Junge Menschen tanzen bei einem geheimen Technorave in einer abgelegenen Wüstenlandschaft im Iran.

RAVING IRAN

Wenn Techno plötzlich keine Selbstverständlichkeit mehr ist

Für viele Menschen beginnt eine Clubnacht mit der Frage, welcher DJ spielt. Für Anoosh und Arash beginnt sie mit einer anderen Frage: Werden wir heute Nacht verhaftet? Die Dokumentation „Raving Iran“ begleitet die beiden Teheraner DJs bei ihrem Versuch, elektronische Musik zu produzieren, eigene Tonträger zu veröffentlichen und heimliche Raves zu veranstalten. Was in anderen Teilen der Welt zum normalen Nachtleben gehört, wird für sie zu einem permanenten Risiko. Musik wird kontrolliert, Veranstaltungen benötigen Genehmigungen und bereits das Drucken eines Albums oder das Organisieren einer Party kann Probleme mit den Behörden auslösen. Trotzdem wollen Anoosh und Arash nicht aufhören.

Unter dem Namen Blade & Beard gehören sie zur elektronischen Undergroundszene Teherans. Ihre Partys finden außerhalb offizieller Strukturen statt, die Orte werden kurzfristig bekannt gegeben und Technik wie Gäste müssen möglichst unauffällig transportiert werden. Jede Veranstaltung bewegt sich zwischen Euphorie und der Angst, entdeckt zu werden. Die Tanzfläche ist hier kein gewöhnlicher Freizeitort, sondern ein temporärer Raum, in dem junge Menschen für einige Stunden selbst entscheiden können, wie sie leben, aussehen und feiern möchten. Techno ist für sie deshalb nicht einfach nur ein Genre, sondern ein Moment persönlicher Freiheit.

Zu den eindrucksvollsten Szenen des Films gehört die Vorbereitung einer illegalen Technoparty in der iranischen Wüste. Fernab der Stadt versuchen die beiden DJs, einen Ort zu schaffen, an dem ihre Musik wenigstens für eine Nacht laut werden darf. Doch selbst dort bleibt die Gefahr präsent. Aufbau, Anreise und Veranstaltung müssen verborgen bleiben, jeder unbekannte Wagen und jede unerwartete Person kann das Ende der Party bedeuten. Der Rave wirkt dadurch gleichzeitig befreiend und bedrückend. Während die Menschen tanzen, bleibt ständig spürbar, wie zerbrechlich dieser Freiraum ist.

Auch außerhalb der Partys stoßen Anoosh und Arash auf Grenzen. Sie versuchen, ihr selbst produziertes Album offiziell veröffentlichen zu lassen, doch bereits Gestaltung, Pressung und Verkauf eines Tonträgers sind an Genehmigungen gebunden. Schließlich lassen sie ihre CDs illegal herstellen und versuchen, sie persönlich an Händler zu verkaufen. Eine Handlung, die anderswo banal erscheint, wird hier zum Ausdruck kulturellen Widerstands. Der Film zeigt damit sehr deutlich, wie eng Kunst, Alltag und Politik miteinander verbunden sein können. Musik existiert nicht unabhängig von der Gesellschaft, in der sie entsteht. Manchmal muss sie sich ihren Raum erst erkämpfen.

Als die beiden eine Einladung zu einem großen Festival für elektronische Musik in der Schweiz erhalten, verändert sich ihre Situation. Zum ersten Mal scheint eine internationale Karriere möglich, doch mit dieser Chance entsteht gleichzeitig eine schwere Entscheidung. Sollen sie nach dem Auftritt in den Iran zurückkehren und weiterhin im Verborgenen arbeiten oder ihre Heimat, ihre Familien und ihr bisheriges Leben zurücklassen, um ihre Musik frei ausüben zu können? Aus einer Dokumentation über illegale Partys wird dadurch zunehmend eine Geschichte über Heimat, Identität und Migration. Die Freiheit, nach der Anoosh und Arash suchen, besitzt einen hohen Preis.

Mehr als eine Musikdokumentation

„Raving Iran“ lebt nicht von perfekt ausgeleuchteten Clubs oder spektakulären Festivalbildern, sondern von der Nähe zu seinen Protagonisten. Wir sehen keine weit entfernte Szene, sondern zwei Menschen, die versuchen, unter schwierigen Bedingungen ein normales künstlerisches Leben zu führen. Gerade dadurch wird deutlich, wie selbstverständlich viele Freiheiten in europäischen Clubkulturen erscheinen: Musik veröffentlichen, eine Veranstaltung anmelden, als DJ auftreten oder gemeinsam tanzen. In dieser Dokumentation wird aus jeder dieser Handlungen eine politische Entscheidung.

Der Film sollte dennoch nicht als vollständiges Bild der iranischen Musik- und Jugendkultur verstanden werden. Er erzählt eine sehr konkrete Geschichte aus der Perspektive zweier DJs und einer europäischen Regisseurin. Auch Dokumentarfilme wählen Perspektiven aus, erzeugen Dramaturgie und können komplexe gesellschaftliche Realitäten niemals vollständig abbilden. Diese Einschränkung macht den Film nicht weniger sehenswert, sie erinnert lediglich daran, ihn nicht nur emotional, sondern auch kritisch zu betrachten.

Die vollständige Dokumentation

Unser Fazit

„Raving Iran“ ist eine intensive Dokumentation über elektronische Musik unter Bedingungen, in denen Clubkultur nicht selbstverständlich existieren kann. Der Film verbindet Spannung, persönliche Nähe und politische Realität und zeigt, wie aus einem Rave ein Akt der Selbstbestimmung und aus einer DJ-Karriere eine existenzielle Entscheidung werden kann. Gleichzeitig bleibt er eine subjektive Geschichte und keine vollständige Analyse des Landes oder seiner gesamten Szene. Gerade diese Mischung macht ihn sehenswert, denn der Film erinnert daran, dass Freiheit auf dem Dancefloor nicht überall mit dem Kauf eines Tickets beginnt. Manchmal beginnt sie mit der Entscheidung, das Risiko überhaupt einzugehen.

Wo Musik verboten wird, kann schon gemeinsames Tanzen Widerstand sein.


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