Tanzende Menschen auf dem Waterfloor des Berliner Watergate mit Blick durch die Glasfront auf die Spree und Oberbaumbrücke.

WATERGATE X

Zehn Jahre zwischen Spree, House Music und Berliner Nächten

Berlin besitzt viele Clubs, die ihre Wirkung aus der Dunkelheit, industrieller Härte und dem vollständigen Verlust des Zeitgefühls beziehen. Das Watergate entwickelte eine andere Form von Magie. Direkt an der Spree, mit Blick auf die Oberbaumbrücke und einem gläsernen Waterfloor, verband der Club elektronische Musik mit einer Umgebung, die selbst im Morgengrauen noch Teil der Nacht blieb. „Watergate X – The Movie“ blickt auf die ersten zehn Jahre dieser Berliner Institution zurück und erzählt, wie aus einer ungewöhnlichen Location am Kreuzberger Spreeufer ein international bekannter Treffpunkt für House, Techno und elektronische Clubkultur wurde.

Das Watergate eröffnete 2002 in einem ehemaligen Bürogebäude nahe der Oberbaumbrücke. Anfangs war das musikalische Programm noch breiter und reichte von Drum and Bass bis Hip-Hop, bevor sich der Club zunehmend auf House und Techno konzentrierte. Seine Architektur unterschied ihn deutlich von den klassischen Berliner Kellerclubs. Der obere Floor wurde durch ein langes LED-Band geprägt, während der untere Bereich nahezu auf Höhe der Spree lag und über eine Terrasse direkt am Wasser verfügte. Diese Verbindung aus reduziertem Design, hochwertigem Sound und dem unmittelbaren Blick auf Berlin wurde zu einem wesentlichen Teil seiner Identität.

Die Dokumentation entstand zum zehnjährigen Bestehen des Clubs und verzichtet auf eine streng chronologische Geschichtsstunde. Stattdessen verbindet sie Gespräche, Partyaufnahmen, alte Flyer, Fotografien und kurze Erinnerungen zu einem atmosphärischen Porträt. Künstler wie Ellen Allien, Sven Väth, Kerri Chandler, Magda, Pan-Pot, Tiefschwarz, Soul Clap, Catz ’n Dogz, Heidi und Lee Jones berichten von ihren Erfahrungen mit dem Watergate, von besonderen Nächten und davon, wie sich der Club innerhalb einer sich ständig wandelnden Stadt behauptete. Dabei wird deutlich, dass seine Bedeutung nicht allein aus dem Line-up entstand. Entscheidend war das Zusammenspiel aus Musik, Personal, Publikum, Architektur und jener schwer planbaren Energie, die einen guten Clubabend von einem gewöhnlichen Veranstaltungsbesuch unterscheidet.

Berlin mit Blick aufs Wasser

Das Watergate gehörte zu einer Generation Berliner Clubs, die nach der wilden Nachwendephase professionellere Strukturen entwickelte, ohne vollständig auf den Gedanken des Undergrounds verzichten zu wollen. Die frühen 2000er-Jahre waren nicht mehr jene Zeit, in der nahezu jedes leer stehende Gebäude spontan bespielt werden konnte. Gleichzeitig war Berlin noch weit von der vollständig durchkommerzialisierten Clubmetropole entfernt, die später Millionen Besucher aus aller Welt anzog. Das Watergate entstand genau in diesem Übergang und verband den improvisierten Geist der Stadt mit einer klareren ästhetischen und musikalischen Vorstellung.

Der Film zeigt einen Club, der internationale Künstler anziehen konnte und dennoch stark von seinen Residents, Mitarbeitern und langjährigen Wegbegleitern geprägt wurde. Berühmte Namen erscheinen nicht nur als Gäste auf einer Bühne, sondern als Teil eines Netzwerks, das über Jahre gewachsen ist. House und Techno werden dabei nicht als austauschbare musikalische Ware präsentiert, sondern als soziale Praxis. Eine Nacht entsteht durch Menschen, die Musik auswählen, Licht programmieren, Gäste empfangen, Drinks ausschenken und dafür sorgen, dass ein Raum für einige Stunden seine gewöhnliche Funktion verliert.

Mit Watergate Records entstand 2008 zusätzlich ein eigenes Label, das die musikalische Identität des Clubs über Mix-CDs und Veröffentlichungen nach außen trug. Der Club wurde dadurch nicht nur zu einem Ort, sondern zu einer internationalen Marke. Diese Entwicklung hätte leicht zu einer geglätteten Werbedokumentation führen können. „Watergate X“ besitzt selbstverständlich einen feierlichen und teilweise selbstinszenierenden Charakter, bleibt jedoch angenehm kompakt. Der Film versucht nicht, das Watergate zum alleinigen Mittelpunkt der Berliner Clubgeschichte zu erklären. Er dokumentiert einen Club, der innerhalb dieser Geschichte eine eigene Sprache gefunden hatte.

Besonders eindrucksvoll sind die Bilder des Waterfloors. Hinter den tanzenden Menschen ziehen Schiffe über die Spree, während sich das erste Tageslicht auf dem Wasser spiegelt. Der Morgen beendet die Nacht nicht abrupt, sondern wird langsam Teil von ihr. Diese visuelle Offenheit stand im Kontrast zur kontrollierten Dunkelheit vieler anderer Technoclubs. Im Watergate konnte man die Stadt sehen, ohne den gemeinsamen Zustand des Dancefloors sofort verlassen zu müssen.

Der Film zeigt jedoch auch, wie schnell aus einem besonderen Ort ein internationaler Anziehungspunkt werden kann. Mit wachsender Bekanntheit verändern sich Publikum, Erwartungen und wirtschaftlicher Druck. Ein Club muss erfolgreich genug sein, um dauerhaft zu bestehen, darf aber gleichzeitig nicht den Eindruck vermitteln, nur noch eine reproduzierbare Berlin-Erfahrung zu verkaufen. „Watergate X“ beschäftigt sich mit diesem Widerspruch nicht ausführlich, lässt ihn aber zwischen den Bildern erkennen. Die ersten zehn Jahre erscheinen als Balance zwischen persönlicher Clubkultur und zunehmender globaler Aufmerksamkeit.

Die vollständige Dokumentation

Unser Fazit

„Watergate X – The Movie“ ist keine umfassende Analyse der Berliner Technogeschichte, sondern ein kompaktes, hochwertig produziertes Clubporträt. Die Dokumentation lebt von ihren Bildern, Erinnerungen und jener besonderen Mischung aus House Music, Architektur und Berliner Nacht, die das Watergate innerhalb weniger Jahre international bekannt machte.

Der Film blickt erwartungsgemäß liebevoll auf seinen Gegenstand und stellt Konflikte oder wirtschaftliche Entwicklungen nur am Rand dar. Gerade als Zeitdokument funktioniert er dennoch hervorragend. Er konserviert einen Moment, in dem das Watergate bereits eine Institution war, aber noch nah genug an seinen Anfängen lag, um die Menschen und Geschichten hinter der Marke sichtbar zu machen.

Manche Clubs verschwinden vollständig in der Dunkelheit. Das Watergate ließ die Nacht durch eine Glasfront auf die Spree blicken.

Zwischen Bass, Brücke und Morgensonne bekam Berlin für zehn Jahre einen eigenen Blick auf die Nacht.


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