Es gibt Festivals, bei denen man vor allem wegen des Line-ups hinfährt. Und es gibt Festivals, bei denen irgendwann der Ort selbst Teil des Line-ups geworden ist. SonneMondSterne gehört längst zur zweiten Sorte. Saalburg, Bleilochtalsperre, Zelte bis zum Horizont, irgendwo läuft grundsätzlich noch ein Soundsystem und spätestens wenn die Sonne über dem Wasser verschwindet, versteht man wieder, warum sich seit 1997 Generationen elektronischer Musikfans jedes zweite Augustwochenende genau hier treffen. Vom 7. bis 9. August 2026 ging SMS in seine mittlerweile 28. Ausgabe. Mehr als 33.000 Menschen kamen nach Saalburg, das Gelände erreichte seine Kapazitätsgrenze, die Tagestickets waren bereits vor dem eigentlichen Hauptprogramm ausverkauft und über das Wochenende standen rund 140 DJs und Bands auf den Bühnen. Und wer beim Blick auf dieses Line-up noch behaupten möchte, große elektronische Festivals würden inzwischen alle gleich aussehen, durfte 2026 gerne einen kleinen Spaziergang über das Gelände machen.
Denn SonneMondSterne hatte dieses Jahr praktisch alles dabei, was man aktuell zwischen Mainstage, Techno-Bunker, Hard-Dance-Eskalation und Bassmusik einsortieren kann. FISHER, The Chainsmokers und Scooter standen am Freitag ganz oben auf dem Programm, daneben Sara Landry, Holy Priest, Kobosil, Cloudy, Novah, Ikkimel, Clara Cuvé, DJ Gigola, Hannah Laing, Luude, Gestört aber Geil und jede Menge weiteres Material für Menschen, die mit einem vernünftigen Ruhepuls offensichtlich nichts anfangen können. Am Samstag wurde es dann endgültig absurd breit: Skrillex, Paul Kalkbrenner, SDP und BUNT., dazu Klangkuenstler, Nico Moreno, Fantasm, Andy C, Angerfist, Funk Tribu und Kalte Liebe. Besonders Skrillex war dabei mehr als nur ein fetter Name auf dem Plakat. SonneMondSterne kündigte seinen Auftritt ausdrücklich als exklusive deutsche Festivalshow 2026 an.
SonneMondSterne muss sich 2026 nicht entscheiden, ob es Mainstage, Techno, Hard Techno, Drum & Bass oder komplett bekloppt sein will. Es nimmt einfach alles und stellt einen See daneben.
Und genau darin liegt seit Jahren diese ziemlich eigene SMS-Magie. Man kann am Nachmittag irgendwo am Saalburg Beach stehen, mit den Füßen im Wasser und für ein paar Minuten fast vergessen, dass man sich auf einem Festival mit mehr als 30.000 anderen Menschen befindet. Ein paar Stunden später steht man vor einer Bühne, Laser schneiden durch die Nacht, der Bass schiebt durch den Körper und derselbe Ort sieht aus wie eine kleine elektronische Parallelstadt. Das Festivalgelände an Deutschlands größtem Stausee ist eben nicht irgendeine austauschbare Wiese mit Bühnen davor. Das Wasser, der Strand, die Hügel drumherum und diese leicht chaotische Campingstadt gehören genauso zu SonneMondSterne wie die Acts. Schon deshalb funktioniert SMS anders als die klassischen Beton-und-Parkplatz-Megafestivals. Die Stadt Saalburg-Ebersdorf beschreibt das Festival seit Jahren als eines der größten Open-Air-Festivals für elektronische Tanzmusik in Europa, die Geschichte begann 1997 noch mit gerade einmal rund 2.500 Gästen. Heute entsteht hier für mehrere Tage eine eigene kleine Republik mit einer sehr einfachen Verfassung: schlafen optional, Bass verpflichtend.
2026 spielte auch das Wetter mit. Statt drei Tage Gummistiefel-Lotterie gab es weitgehend bestes Sommerwetter, und gerade am Samstag lagen die Bedingungen ziemlich nah an dem, was man sich für ein Festival direkt am Wasser bestellt hätte. SonneMondSterne ohne See wäre ohnehin ungefähr wie Acid ohne Resonance. Natürlich möglich, aber warum sollte man sich das antun? Tagsüber Abkühlung, Strand, Campingplatz-Wahnsinn und dieses typische Gefühl, dass die Nacht noch unendlich weit weg ist. Dann verschiebt sich langsam die Stimmung. Die ersten größeren Slots beginnen, die Wege werden voller, irgendwo wird bereits völlig unverhältnismäßig eskaliert und irgendwann übernimmt die Dunkelheit.
Musikalisch war dabei besonders spannend, wie selbstverständlich SMS inzwischen verschiedene Generationen elektronischer Musik nebeneinanderstellt. Paul Kalkbrenner repräsentiert eine Form von Live-Techno, die für viele längst untrennbar mit den Nuller- und frühen Zehnerjahren verbunden ist. Skrillex gehört zu jenen Künstlern, die Anfang der 2010er ein komplettes Bassmusik-Erdbeben ausgelöst haben und deren Einfluss inzwischen weit über Dubstep hinausreicht. Dann stehen daneben Namen wie Sara Landry, Klangkuenstler, Kobosil, Nico Moreno, Holy Priest oder Fantasm, die ziemlich genau zeigen, wohin sich die härtere Seite des europäischen Festival-Techno gerade bewegt. Und irgendwo dazwischen schreit H.P. Baxxter seit gefühlt mehreren geologischen Zeitaltern Dinge in ein Mikrofon und Scooter funktionieren immer noch. Vielleicht muss man deutsche elektronische Musikkultur auch gar nicht komplizierter erklären.
Von Kalkbrenner bis Holy Priest, von Andy C bis The Chainsmokers und von Skrillex bis Scooter. Auf dem Papier dürfte das eigentlich nicht zusammenpassen. In Saalburg ist genau das der Plan.
Gerade diese Mischung verhindert, dass SonneMondSterne zu einem Festival für nur eine elektronische Blase wird. Wer vier Stunden kompromisslosen Techno möchte, bekommt ihn. Wer Drum & Bass braucht, findet Andy C, Luude, Basstripper oder andere entsprechende Ecken des Programms. Wer die große Mainstage-Geste will, bekommt FISHER oder The Chainsmokers. Wer eher auf den aktuellen Hard-Techno-Overdrive steht, kann seinen Körper bei Sara Landry, Klangkuenstler, Nico Moreno, Kobosil oder Holy Priest einem ziemlich ambitionierten Belastungstest unterziehen. Und wer nach all dem immer noch Energie hat, findet kleinere Floors, B2Bs und Clubformate, die häufig genau dann gefährlich werden, wenn man eigentlich nur „noch kurz gucken“ wollte. Der MDR hob beispielsweise auch Marlon Hoffstadts eigenes Daddycation-Showformat als eines der speziellen Formate neben den großen Bühnen hervor.
Natürlich besteht ein Festival dieser Größe nicht nur aus Drops, Sonnenuntergängen und hübschen Luftaufnahmen. Mehr als 33.000 Menschen auf einem Gelände bedeuten Verkehr, Security, Sanitäter, Polizei und statistisch zwangsläufig auch Menschen, denen drei Tage Festival offenbar noch nicht genug schlechte Entscheidungen liefern. Die bemerkenswerte Nachricht 2026 lautet allerdings: Die Polizei registrierte nur 89 relevante Sachverhalte und damit nach eigenen Angaben den niedrigsten Wert in der Festivalgeschichte. Es wurden 20 Diebstähle und einige Körperverletzungen angezeigt, schwere Verletzungen oder andere größere Vorfälle wurden in der Abschlussbilanz nicht gemeldet. Das ist bei einer temporären Stadt mit 33.000 Bewohnern durchaus eine Zahl, die man erwähnen darf.
Für unfreiwillige Comedy sorgte dagegen eine andere Spezialdisziplin. Einige Gäste hielten offenbar Orts- und Verkehrsschilder für Festival-Merchandise. Neun davon musste die Polizei bereits während des Wochenendes einsammeln, teilweise wurden sie sogar per Drohnenüberwachung entdeckt. Man muss den Souvenirtrieb respektieren. Aber vielleicht reicht nächstes Jahr einfach wieder das Festivalbändchen. Das passt außerdem besser ins Regal.
Weniger lustig sind Alkohol und Drogen am Steuer. Mehr als 50 Verkehrsteilnehmer wurden laut Polizei unter Alkohol- oder Drogeneinfluss festgestellt. Rund 60 Gramm verschiedener Drogen wurden sichergestellt. Das Landratsamt bot deshalb vor der Heimfahrt kostenlose und anonyme Tests an, damit Besucher ihre Fahrtüchtigkeit prüfen konnten. Gerade dieser letzte Punkt gehört ebenfalls zu einer vernünftigen Festivalbilanz. Drei Tage eskalieren und danach im Zweifel noch ein paar Stunden länger am Campingplatz sitzen ist deutlich weniger uncool, als sich und andere auf der Heimfahrt zu gefährden.
Aber wenn man all diese Zahlen wieder beiseitelegt, bleibt etwas anderes hängen. SonneMondSterne wirkt 2026 erstaunlich gesund. Während seit Jahren über steigende Produktionskosten, schwierigen Ticketverkauf und Festivalsterben diskutiert wird, fährt SMS seine 28. Ausgabe an die Kapazitätsgrenze. Mehr als 33.000 Gäste, ausverkaufte Tagestickets, 140 Acts und ein Programm, das nicht versucht, elektronische Musikkultur auf einen einzigen gerade trendenden Sound herunterzurechnen. Das ist vielleicht die eigentliche Nachricht dieses Wochenendes.
SonneMondSterne war nie Underground im puristischen Sinne. Dafür war das Festival schon vor zwanzig Jahren zu groß. Und natürlich steht auf einer Mainstage heute genauso Entertainment wie Subkultur. Aber SMS schafft etwas, woran viele große Festivals irgendwann scheitern: Es hat trotz seiner Größe noch einen eigenen Geruch. Bildlich gesprochen hoffentlich. Man weiß, wo man ist. Bleilochtalsperre. Saalburg. Camping direkt am Auto. Lauter Campingplatz für Menschen, die offenbar selbst zwischen 8:13 und 8:27 Uhr noch eine private Mainstage betreiben möchten, und ein „superleiser“ Platz für diejenigen, die irgendwann entdecken, dass der menschliche Körper tatsächlich Schlaf benötigt. Dazu der See, die Wege, die unterschiedlichen Floors und diese seltsame Mischung aus Ferienlager und elektronischer Großstadt.
Vielleicht ist SonneMondSterne genau deshalb nach 28 Ausgaben immer noch relevant. Es verkauft nicht nur ein Line-up. Es verkauft diesen einen Zustand, den man nur bekommt, wenn Sommer, See, Camping und Bass für ein Wochenende sämtliche vernünftigen Tagesabläufe abschaffen.
Und 2026 hatte dieser Zustand einen ziemlich beeindruckenden Soundtrack. Skrillex zurück auf einer deutschen Festivalstage. Paul Kalkbrenner vor einer Crowd, die seine Tracks teilweise seit Jahren im musikalischen Gedächtnis trägt. FISHER mit maximaler Mainstage-Energie. Sara Landry und die aktuelle Hard-Techno-Fraktion mit ordentlich Druck auf dem Kessel. The Chainsmokers zwischen Popdimension und elektronischer Festivalmaschine. Andy C als Erinnerung daran, dass Drum & Bass nie um Erlaubnis gefragt hat. Dazu Scooter, weil ein deutsches Festival offenbar gelegentlich daran erinnert werden muss, wie viele Generationen inzwischen gemeinsam „Hyper Hyper“ schreien können.
Sonntag kommt dann diese eigenartige Ruhe. Zelte werden zusammengefaltet, Luftmatratzen verlieren ihre letzten Moleküle, auf den Campingflächen liegen die materiellen Reste großer Lebensentscheidungen und Menschen versuchen herauszufinden, warum sie drei Powerbanks, aber keine frischen Socken mehr besitzen. Auf dem Gelände laufen noch die letzten Sets, irgendwo wird selbstverständlich weitergetanzt, während anderswo bereits Kofferraum-Tetris gespielt wird. Dann rollen nach und nach zehntausende Menschen aus Saalburg heraus und aus dieser temporären Stadt wird wieder Landschaft.
Bis zum nächsten August.
SonneMondSterne 2026 war laut, voll, erstaunlich friedlich und musikalisch komplett schmerzfrei, was Genregrenzen betrifft. Genau so sollte dieses Festival sein.
Sonne. Mond. Sterne.
Und irgendwo dazwischen ungefähr 140 gute Gründe, am Montag noch ein leichtes Pfeifen auf den Ohren zu haben.


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