Es gibt Platten, die irgendwann Klassiker werden, weil genügend Zeit vergangen ist. Und dann gibt es „Drukqs“. Ein Album, das auch 25 Jahre später noch klingt, als hätte Richard D. James 2001 versehentlich eine ZIP-Datei aus dem Jahr 2047 geöffnet und beschlossen, daraus eine Doppel-LP zu machen. Warp Records holt das Ding zum Jubiläum wieder aus dem digitalen Maschinenraum. Am 30. Oktober 2026 erscheint „Drukqs“ erneut auf Vinyl, CD und Kassette, darunter eine 4LP-Ausgabe. Warp kündigte den Reissue auf Instagram entsprechend nüchtern mit „DRUKQS. 2026 REISSUE.“ an. Einen Tag später schob das Label ein Archivbild von Richard D. James aus dem Jahr 2001 hinterher. Das Gesicht zum kontrollierten Systemfehler. 25 Jahre dazwischen, derselbe leicht verstörende Aphex-Vibe.
„Drukqs“ war schon bei seiner Veröffentlichung am 22. Oktober 2001 ein musikalischer Fremdkörper. Kein sauberer IDM-Longplayer, kein Ambient-Ausflug und schon gar kein Clubalbum, das einem brav vier Takte Zeit gibt, um den nächsten Übergang vorzubereiten. Stattdessen Drill’n’Bass auf chirurgischem Präzisionslevel, Jungle-Fragmente mit komplett durchgedrehter Mikrorhythmik, glitchige Percussion-Salven, Acid-Gene, elektroakustische Experimente und dazwischen präpariertes Klavier, Ambient und Stücke, die wirken, als hätte jemand einen Steinway zwischen zwei Breakcore-Rechner gestellt. Genau diese Reibung macht das Album bis heute so brutal interessant. „Vordhosbn“, „54 Cymru Beats“ oder „Mt Saint Michel + Saint Michaels Mount“ sind keine Tracks, die einen freundlich abholen. Sie zerlegen den Grid, jagen Ghost Notes durch den Takt, lassen Breaks implodieren und setzen die Einzelteile wieder so zusammen, dass jeder halbwegs normale Sequencer vermutlich Kündigung einreichen würde. Und dann kommt plötzlich „Avril 14th“. Klavier. Ruhe. Fast schon schmerzhaft schön. Keine Kick, kein Amen Break, keine 170 BPM Gehirnoperation. Nur Melodie. Genau deshalb funktioniert „Drukqs“ nicht wie eine Sammlung verschiedener Genres, sondern wie ein Blick in einen Kopf, in dem Braindance, Jungle, moderne Klassik, Noise und Ambient ohnehin nie voneinander getrennt waren. Von den ursprünglich 30 Stücken sind zahlreiche Titel bis heute kleine Codes aus der Aphex-Welt, teilweise mit Bezügen zum Kornischen und zu James’ Herkunft in Cornwall.
Und eigentlich wird die Platte mit zunehmendem Abstand sogar nachvollziehbarer. 2001 musste „Drukqs“ für manche Kritiker wie Overkill wirken. Heute leben wir musikalisch mitten in seinen Nachwirkungen. Hyperpop zerhackt Stimmen und Drums bis auf Sample-Ebene, Breakcore ist längst wieder aus dem Keller gekrochen, IDM hat seine Nerd-Ecke verlassen, Jungle wird von einer neuen Generation rediscovered und Produzenten behandeln digitale Artefakte inzwischen ganz selbstverständlich als Klangmaterial. Dinge, die auf „Drukqs“ wie kaputte Maschinen wirkten, gehören heute zum Produktionsvokabular. Nur klingen sie bei Aphex Twin immer noch seltsam frisch, weil hinter dem ganzen DSP-Gemetzel etwas steckt, das man nicht mit einem Plugin-Preset nachbauen kann. Timing. Irritation. Humor. Und dieses permanente Gefühl, dass gleich irgendetwas passieren könnte, was eigentlich nicht in den Track gehört. Selbst die leisesten Stücke tragen diese DNA. Deshalb ist es auch so passend, dass ausgerechnet „QKThr“, gerade einmal knapp anderthalb Minuten lang und ursprünglich irgendwo zwischen all diesen musikalischen Mutationen versteckt, Jahrzehnte später über TikTok eine komplett neue Generation gefunden hat. „Avril 14th“ wiederum wurde längst zu einem der bekanntesten Aphex-Stücke überhaupt und wanderte weit über IDM- und Electronica-Kreise hinaus. „Drukqs“ musste offenbar nicht massentauglicher werden. Die Masse musste nur lange genug warten.
Auch der Reissue selbst ist erfreulich wenig halbherzig. Neben der regulären physischen Neuauflage gibt es eine erweiterte Variante mit fünf zusätzlichen Stücken, darunter verschiedene alternative Fassungen von „Avril 14th“, „dRuQks Prepared uN 1“ und „Mangle 11“. Die 4LP-Ausgabe bringt das Material wieder dahin zurück, wo dieses Album eigentlich hingehört. Auf ein physisches Format, bei dem man nicht nach sieben Sekunden weiterswipen kann, weil der Algorithmus bereits den nächsten Dopaminhappen bereithält. Vielleicht ist genau das die schönste Pointe an dieser Neuauflage. 2026 wird Musik stärker denn je auf Hooks, Skiprates, Saves, Reels, Drops und algorithmische Sofortverwertbarkeit getrimmt. Und mitten hinein stellt Warp wieder ein mehr als hundert Minuten langes Monster aus Drill’n’Bass, Prepared Piano, Ambient, Glitch, zerfetzten Breaks und Richard D. James’ notorischem Kontrollverlust mit System. Keine Optimierung auf Aufmerksamkeit. Keine Genre-Schublade. Keine Erklärung. Einfach Aphex Twin. Das alte Warp-Foto von 2001 passt deshalb fast besser zum Jubiläum als jede Hochglanzkampagne. Dieser Blick nach oben, dieses Grinsen, bei dem man bis heute nicht weiß, ob James gerade über uns, über die Musikindustrie oder über irgendeinen völlig absurden Patch auf einer selbstmodifizierten Maschine lacht.

https://aphextwin.warp.net/release/71102-aphex-twin-drukqs
25 Jahre später ist „Drukqs“ deshalb nicht interessant, weil wir das Album inzwischen vollständig verstanden hätten. Wir haben uns lediglich an einen Teil seiner Verrücktheit gewöhnt. Vieles darin klingt inzwischen vertrauter, weil ganze Subgenres irgendwann dort angekommen sind, wo Aphex Twin bereits herumgeschraubt hat. Aber dann läuft wieder „54 Cymru Beats“, irgendein Break wird in mikroskopische Einzelteile geschreddert, ein Piano taucht aus dem Nichts auf und plötzlich sitzt man wieder da wie 2001 und fragt sich, was zur Hölle Richard D. James eigentlich gemacht hat.
Vielleicht ist das die Definition eines echten elektronischen Klassikers.
Nicht dass er nach 25 Jahren noch gut klingt. Sondern dass 25 Jahre elektronische Musik immer noch nicht gereicht haben, damit er normal klingt.


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