Illustration eines Mannes (Neo Lectro) mit Freak Muzik Shirt und bunter Rave Tasse vor einem Rave the Planet Plakat zur Parade am 17. August 2024.

FM! Kolumne. Love is Stronger. Warum diese Dokumentation weit über die Geschichte einer Parade hinausgeht.

Eine persönliche Betrachtung aus ausdrücklich subjektiver Sicht

Das hier ist keine objektive Filmbesprechung. Zumindest nicht im klassischen Sinne. Es ist der Versuch einer möglichst sachlichen Betrachtung aus einer ausdrücklich subjektiven Perspektive. Aus der Perspektive eines Menschen, der mit Techno aufgewachsen ist, die Loveparade erlebt, ihrem Ende nachgetrauert und den langen Weg zurück auf die Berliner Straßen über Jahre verfolgt hat. Als Musiker, als Teil dieser Kultur und mit FreakMuzik auch als jemand, der über diese Entwicklung berichtet hat. Ich kenne viele der Bilder, die Geschichten und einige der Protagonisten. Ich kenne aber vor allem das Gefühl, das hinter alldem liegt. Deshalb kann und möchte ich nicht so tun, als würde ich „Love is Stronger. Von Loveparade zu Rave The Planet“ aus sicherer journalistischer Distanz betrachten. Dafür ist mir das Thema zu nah. Vielleicht lohnt sich eine genauere Betrachtung aber gerade deshalb.

Eigentlich wollte ich die Dokumentation nur nebenbei laufen lassen. Ich kannte die Geschichte schließlich – zumindest glaubte ich das. Ein bisschen Musik während der Arbeit, ein paar bekannte Archivaufnahmen und dazwischen vielleicht die eine oder andere Anekdote, die ich noch nicht gehört hatte. So war der Plan. Aus dem Nebenbeischauen wurde allerdings nichts. Immer wieder musste oder vielmehr durfte ich meine Arbeit liegen lassen, weil die Dokumentation meine Aufmerksamkeit eingefordert hat. Nicht mit künstlicher Dramatik, schnellen Schnitten oder einer pathetischen Stimme aus dem Off, sondern mit Menschen. Mit ihren Beziehungen, Hoffnungen, Verletzungen, Widersprüchen und ihrer Beharrlichkeit. Mit dem Versuch, eine Idee über Jahrzehnte am Leben zu halten, obwohl es ausreichend Gründe gegeben hätte, sie irgendwann aufzugeben.

Die Dokumentation erzählt den Weg von der Loveparade zur heutigen Rave The Planet Parade. Doch sie ist keine trockene Chronik einer Veranstaltung und auch keine weitere nostalgische Rückschau auf das wilde Berlin der Nachwendezeit. Die historischen Ereignisse bilden den Rahmen, aber im Zentrum stehen die Menschen hinter der Bewegung. Vor allem Dr. Motte und Ellen Dosch-Roeingh, ihre gemeinsame Arbeit, ihre persönlichen Verbindungen und der enorme Kraftaufwand, der notwendig war, um eine fast verloren geglaubte Idee zurück auf die Straße zu bringen. Genau dadurch unterscheidet sich der Film von vielen anderen Dokumentationen über elektronische Musik. Man hört nicht bloß noch einmal das, was man längst kennt. Man erfährt, was diese Geschichte mit den Beteiligten gemacht hat und warum sie ihnen bis heute keine Ruhe lässt.

Manchmal ist Liebe kurz und intensiv. Manchmal hält sie ein Leben lang. Manchmal verschwindet sie, um Jahre später in einer anderen Form zurückzukehren. Sie kann zwei Menschen verbinden, eine Freundschaft tragen oder eine ganze Bewegung antreiben. Und manchmal wird sie so groß, dass sie über diejenigen hinauswächst, die sie einmal ins Leben gerufen haben. Man kann nach diesem Film über Entscheidungen, Eitelkeiten, wirtschaftliche Interessen, Fehler und den schwierigen Versuch diskutieren, eine historische Bewegung in eine neue Zeit zu übertragen. Eines kann man den Beteiligten jedoch kaum absprechen: Es ist echt. Gerade deshalb erkennt man sich an vielen Stellen selbst wieder. Nicht unbedingt in den konkreten Ereignissen, aber in diesem manchmal irrationalen Drang, etwas Wirklichkeit werden zu lassen. In der Erfahrung, dass große Ideen selten einem sauberen Projektplan folgen. Und in der Erkenntnis, dass Menschen, die etwas bewegen, zwangsläufig anecken, Fehler machen und manchmal auch etwas beschädigen.

Entscheidend ist, was danach passiert. Dr. Motte wirkt in dieser Dokumentation erstaunlich wenig wie ein Selbstdarsteller, obwohl die Geschichte natürlich zu großen Teilen auch seine Geschichte ist. Er erscheint vielmehr als jemand, der bis heute von einer Idee angetrieben wird und dabei nicht jeden Satz vorab durch einen Filter gesellschaftlicher, politischer oder medialer Verwertbarkeit schickt. Das ist wohltuend. Natürlich haben Worte Macht. Natürlich sollten Menschen Verantwortung für das übernehmen, was sie sagen und tun. Doch wir leben in einer Zeit, in der häufig länger darüber diskutiert wird, wie etwas formuliert werden darf, als darüber, was konkret getan werden müsste. Wer jedes Wort, jede Bewegung und jede mögliche Reaktion bis ins Letzte durchdenkt, kommt irgendwann gar nicht mehr ins Handeln.

Manchmal passieren Dinge einfach. Manchmal sagt jemand etwas ungeschickt, trifft nicht den richtigen Ton oder entscheidet falsch. Dann muss man darüber reden, korrigieren, erklären und notfalls reparieren. Aber wenn aus Angst vor einem möglichen Fehler gar nichts mehr geschieht, bleibt alles so, wie es ist. Manchmal ist das gut. Sehr häufig ist es das nicht. Wer etwas bewegen möchte, muss loslaufen. Und wenn beim Laufen etwas kaputtgeht, muss man stehen bleiben, Verantwortung übernehmen und es wieder in Ordnung bringen. Das ist nicht immer elegant, aber ehrlicher als der permanente Stillstand der vermeintlich Fehlerfreien.

Ein Gedanke aus der Dokumentation ist mir besonders stark im Gedächtnis geblieben. Es geht um etwas, das weit über einzelne Menschen, persönliche Geschichten und selbst diese Parade hinausgeht. Es geht um Weltfrieden. Das klingt zunächst gewaltig, vielleicht sogar naiv. Betrachtet man jedoch den Weg, den Dr. Motte gemeinsam mit Ellen, seinem Team und unzähligen Begleitern seit Jahrzehnten geht, wirkt diese Idee plötzlich weniger abstrakt. Bereits die erste Loveparade 1989 trug mit „Friede, Freude, Eierkuchen“ einen gesellschaftlichen Anspruch in sich. Menschen kommen zusammen, tanzen miteinander und erleben für einige Stunden eine Welt, in der Herkunft, Status und gesellschaftliche Grenzen an Bedeutung verlieren.

Natürlich beendet eine Parade keinen Krieg. Eine Bassdrum löst keinen geopolitischen Konflikt, und gemeinsames Tanzen beseitigt weder Machtinteressen noch wirtschaftliche Abhängigkeiten, religiösen Fanatismus oder territoriale Ansprüche. Aber Frieden beginnt eben auch nicht erst am Verhandlungstisch. Er beginnt dort, wo Menschen einander zunächst als Menschen wahrnehmen. Dort, wo sie dieselbe Musik hören, denselben Rhythmus spüren und erleben, dass der Mensch neben ihnen kein Gegner sein muss. Techno verlangt keine gemeinsame Sprache, keine einheitliche Herkunft, keine Religion und keine politische Biografie. Diese Kultur schafft einen Raum, in dem Unterschiedlichkeit nicht sofort erklärt, bewertet oder bekämpft werden muss.

Frieden bedeutet dabei auch nicht, dass alle Menschen dieselben Vorstellungen teilen, dieselben Lebensentwürfe übernehmen oder sich permanent miteinander verbinden müssen. Manche Menschen, Gemeinschaften und Kulturen möchten einfach dort, wo sie sind, in Ruhe und Frieden leben. Auch das gilt es zu respektieren. Frieden kann ebenso bedeuten, Grenzen anzuerkennen, Unterschiede auszuhalten und anderen das Recht zuzugestehen, ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen zu führen. Die Aufmerksamkeit immer wieder auf dieses größere Ziel zu richten, halte ich deshalb für außerordentlich wertvoll.

Interessanterweise trägt die Dokumentation diese Botschaft nicht permanent vor sich her. Der Weltfrieden wird nicht in jeder Szene beschworen, und es gibt keinen moralischen Zeigefinger. Der Gedanke taucht nur an wenigen Stellen auf, beinahe homöopathisch dosiert. Während des Schauens hätte ich mir vielleicht gewünscht, dass dieser Aspekt noch etwas stärker herausgearbeitet wird. Im Rückblick glaube ich jedoch, dass gerade die Zurückhaltung seine Wirkung verstärkt. Die Dokumentation lässt den Gedanken im Raum stehen. Sie erklärt ihn nicht vollständig, zwingt ihn niemandem auf und lässt ihn weiterarbeiten, nachdem der Film längst beendet ist. Bei mir hat er genau das getan.

Eine Dokumentation über die Loveparade kann und darf die Katastrophe von Duisburg nicht umgehen. Sie markiert einen tiefen Bruch in der Geschichte der Veranstaltung und in der Wahrnehmung elektronischer Großveranstaltungen insgesamt. Der Film behandelt diesen Teil mit der notwendigen Ernsthaftigkeit, endet jedoch nicht dort. Mit Rave The Planet kehrte eine große Techno-Parade als Kulturdemonstration auf die Berliner Straßen zurück. Nicht als einfache Kopie der alten Loveparade, sondern als Versuch, an ihren ursprünglichen Geist anzuknüpfen, aus der Vergangenheit zu lernen und den gesellschaftlichen Wert von Techno- und Clubkultur sichtbar zu machen.

Zu diesem Weg gehört auch ein Erfolg, den wir bei FreakMuzik über die vergangenen Jahre mit großer Freude begleitet haben: die Aufnahme der Technokultur in Berlin in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Wir haben mitgefiebert. Ich habe mitgefiebert. Und als die Anerkennung schließlich feststand, war da nicht nur journalistische Freude über eine gute Nachricht, sondern echter Stolz. Stolz auf die Menschen, die jahrelang dafür gearbeitet und gekämpft haben. Stolz auf eine Szene, die sich trotz aller Widersprüche, Rückschläge und Veränderungen nicht vollständig hat auseinanderdividieren lassen. Und auch ein wenig Stolz darauf, diese Entwicklung begleitet und immer wieder nach außen getragen zu haben.

Die letzten Sekunden der Dokumentation bringen all das auf den Punkt. Als Ellen erfährt, dass die Technokultur in Berlin als Immaterielles Kulturerbe anerkannt wurde, bricht sie in Tränen aus. In diesem Moment fällt sichtbar etwas von ihr ab. Die Jahre der Arbeit, die Rückschläge, Zweifel, Hoffnungen und das ständige Weitermachen sind plötzlich in ihrem Gesicht zu erkennen. Und ja, da hatte auch ich kurz Pipi in den Augen. Nicht, weil die Szene billig auf Emotionen setzt, sondern gerade deshalb, weil sie vollkommen echt wirkt. Diese Tränen stehen nicht nur für einen erfolgreichen Antrag. Sie stehen für die späte Anerkennung einer Kultur, die viel zu lange auf Lärm, Exzess und Nachtleben reduziert wurde. Sie stehen für die Anerkennung der Menschen, die diese Kultur aufgebaut haben, und für die Gewissheit, dass eine Idee, die einst Millionen bewegte, nicht einfach verschwunden ist. Sie hat eine neue Form gefunden.

Nach dieser Dokumentation bin ich noch heißer auf die diesjährige Rave The Planet Parade. Auch die aktuelle Hymne hat bei mir ein wenig Zeit gebraucht. Beim ersten Hören hat sie mich noch nicht vollständig gecatcht. Beim zweiten, dritten und vierten Durchlauf entwickelte sie jedoch zunehmend ihren Reiz. Vielleicht passt auch das zu dieser Geschichte. Nicht alles, was Bestand haben soll, muss beim ersten Kontakt sofort explodieren. Manche Dinge wachsen. Nach „Love is Stronger“ steht die Musik jedenfalls nicht mehr als einzelner Track im Raum, sondern wird Teil einer fortlaufenden Erzählung. Einer Geschichte, die 1989 begann und noch immer nicht zu Ende erzählt ist.

„Love is Stronger“ handelt von Menschen, die an etwas festhalten, obwohl ihnen die Geschichte genügend Gründe geliefert hätte, es aufzugeben. Von der Kraft einer Idee, von der Möglichkeit, aus einem Ende einen neuen Anfang zu bauen, und von einer Liebe, die manchmal kompliziert, widersprüchlich und schmerzhaft sein kann, aber trotzdem echt bleibt. Ich werde mir die Dokumentation noch einmal vollständig ansehen. Nicht, weil ich die Geschichte beim ersten Mal nicht verstanden hätte, sondern weil der Film etwas hinterlassen hat, das über seine Laufzeit hinausgeht.

Lasst uns deshalb die Rave The Planet Parade 2026 zu etwas Großem machen. Lasst uns dafür sorgen, dass sie nicht die letzte bleibt. Lasst uns diese Kultur schützen, die so viele Menschen zusammengebracht, geprägt und aufgefangen hat. Und lasst uns die Liebe wieder nach draußen tragen.

Denn am Ende geht es tatsächlich um nichts Geringeres als den Weltfrieden.

Love is stronger. Liebe für alle.


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