FM! Kolumne. Aphex Twin hat einen Grammy. Natürlich.

Es gibt Nachrichten, bei denen man kurz überprüfen muss, ob man versehentlich auf irgendeiner Satireseite gelandet ist. Aphex Twin hat einen Grammy gewonnen. Richard D. James. Dieser Richard D. James. Der Mann, der seit Jahrzehnten einen erstaunlichen Teil seiner Energie darauf verwendet, Erwartungen zu unterlaufen, Journalisten in den Wahnsinn zu treiben, Gesichter zu deformieren, Tracknamen aussehen zu lassen wie vergessene WLAN-Passwörter und elektronische Musik immer genau dann woanders hinzubiegen, wenn der Rest der Welt glaubt verstanden zu haben, was er eigentlich macht. Und jetzt steht da tatsächlich ein Grammy. Für Syro. Bei den 57. Grammy Awards am 8. Februar 2015 gewinnt Aphex Twin die Kategorie Best Dance/Electronic Album gegen deadmau5, Little Dragon, Röyksopp & Robyn und Mat Zo. Die Recording Academy hat es offiziell gemacht. Ausgerechnet Richard D. James bekommt eines dieser goldenen Grammophone, die normalerweise ziemlich zuverlässig nach Musikindustrie, roten Teppichen, Presseplänen und professionell choreografierter Wichtigkeit riechen. (grammy.com)

Und irgendwie ist genau das der beste Witz an der ganzen Sache. Der größte Troll der elektronischen Musik hat den Mainstream nicht besiegt. Der Mainstream hat ihm freiwillig einen Pokal überreicht. Man muss sich das wirklich auf der Zunge zergehen lassen. Wir leben 2015 mitten in einer Ära, in der elektronische Musik endgültig zur maximalen Stadion- und Festivalmaschine geworden ist. Riesige Drops, riesige LED-Wände, riesige Arme in der Luft, perfekt geplante Spannungsbögen, Produzenten als Popstars und Tracks, die innerhalb weniger Sekunden erklären müssen, wann das Publikum bitteschön auszurasten hat. Und dann gewinnt einer, dessen Stücke „XMAS_EVET10 [120][thanaton3 mix]“, „CIRCLONT6A [141.98][syrobonkus mix]“ oder „syro u473t8+e [141.98][piezoluminescence mix]“ heißen. (aphextwin.bandcamp.com)

Richard D. James hatte dabei nie den geringsten Drang, sich dem Betrieb anzupassen. Keine verständliche Marke, kein sauberer Albumzyklus, keine Interviews mit glattgezogenen Antworten, keine obligatorische „super excited“-Kampagne. Nach Drukqs verschwand Aphex Twin dreizehn Jahre lang aus dem klassischen Studioalbum-Spiel und kehrte dann nicht etwa mit einer Hochglanzkampagne zurück, sondern mit einem grünen Luftschiff über London, seinem Logo an verschiedenen Orten und einer Albumankündigung, die zunächst über Tor im Deep Web auftauchte. (pitchfork.com) Andere hätten daraus eine zwölfmonatige Comeback-Erzählung gebaut. Richard D. James baut lieber eine Parallelrealität. Und genau diese Parallelrealität hat jetzt einen Grammy.

Vielleicht ist das der Moment, in dem die Musikindustrie sich selbst im Spiegel sieht. Denn Aphex Twin ist eigentlich das komplette Gegenmodell zu dem, was sich leicht vermarkten lässt. Er erklärt sich nicht. Er entschärft sich nicht. Er macht auch nicht den Eindruck, als würde er überhaupt besonders großen Wert darauf legen, verstanden zu werden. In Interviews rund um Syro hat er sinngemäß immer wieder durchblicken lassen, dass seine Musik beim ersten Hören durchaus zufällig oder undurchdringlich wirken könne, dahinter aber sehr wohl Methode stecke und man sich eben Zeit nehmen müsse, sie zu entschlüsseln. (pitchfork.com) Genau das ist vielleicht die aphextypischste Aussage überhaupt: Wenn du es nicht verstehst, hör halt länger hin.

Und da beginnt mein eigenes Problem mit Syro.

Ich bin riesiger Aphex-Twin-Fan. Einer dieser Menschen, denen du Windowlicker, Flim, Polynomial-C, Vordhosbn, Alberto Balsalm, Xtal, Tha oder irgendeine komplett krumme AFX-Produktion vorsetzen kannst und die anschließend anfangen, über Details zu reden, nach denen niemand gefragt hat. Und trotzdem erwischt mich Syro bislang fast gar nicht. Ich höre, was da passiert. Ich höre die wahnsinnige Detailarbeit, das Drum Programming, die verschobenen Grooves, die Acid-Linien, die kleinen Bewegungen in den Sounds. Es klickt, schiebt, zirpt und blubbert in einer Präzision, bei der andere wahrscheinlich erstmal das Handbuch suchen würden. Aber emotional bleibt da bei mir erstaunlich wenig hängen. Vielleicht wirkt mir das Album zu kontrolliert. Vielleicht fehlt mir diese komplett unberechenbare Mischung aus Schönheit und Wahnsinn, die Drukqs innerhalb weniger Minuten von brutalem Breakbeat-Gefrickel zu einem Stück wie Avril 14th kippen lässt. Vielleicht erwarte ich von Aphex Twin aber auch einfach etwas, das Richard D. James selbst längst nicht mehr interessiert.

Oder ich bin das Problem.

Was bei Aphex Twin ausdrücklich eine realistische Möglichkeit darstellt.

Denn diese Musik hat diese merkwürdige Eigenschaft, dass sie manchmal Jahre lang irgendwo herumliegt, ohne etwas auszulösen. Und dann hörst du einen Track plötzlich in einem anderen Moment, auf einer anderen Anlage, in einer anderen Lebensphase und denkst nur: „Ach du Scheiße. Jetzt verstehe ich ihn.“ Vielleicht schreibe ich deshalb in zehn Jahren einen peinlichen Nachtrag und erkläre Syro plötzlich zum besten elektronischen Album aller Zeiten. Bei Aphex Twin würde mich inzwischen gar nichts mehr wundern.

Das Interessante ist ja gerade, dass ich Syro nicht lieben muss, um diesen Grammy großartig zu finden. Im Gegenteil. Vielleicht macht meine eigene Distanz zu dem Album die Sache sogar noch schöner. Denn ausgezeichnet wurde hier eben nicht der erwartbarste Crowdpleaser, sondern eine Platte, die auf zwölf Tracks Acid, Electro, Techno, Ambient und diese schwer definierbare Zone abklappert, die man irgendwann einfach Aphex Twin genannt hat, weil alle anderen Genrebegriffe zu kompliziert wurden. Das Album endet dann auch noch mit „aisatsana [102]“, einem fast schwerelosen Pianostück. (aphextwin.bandcamp.com) Kein fetter Schlussdrop. Kein „Danke Grammy, ihr seid die Besten“. Einfach Richard D. James, der macht, was Richard D. James eben macht.

Vielleicht ist das der entscheidende Punkt. Dieser Grammy sagt nicht: Aphex Twin ist endlich im Mainstream angekommen. Er sagt eher: Der Mainstream ist irgendwann so weit in seine Richtung gelaufen, dass er ihm zwangsläufig begegnen musste. James hat keinen EDM-Hit produziert, seine Tracknamen nicht vereinfacht, sein Image nicht entschärft und Aphex Twin auch nach dreizehn Jahren nicht für ein neues Publikum erklärt. Er hat einfach eine Platte rausgehauen, deren Ankündigung über das Deep Web lief und deren Musik weiterhin klingt, als würden mehrere hochintelligente Maschinen in einem Keller darüber diskutieren, ob Menschen eigentlich notwendig sind.

Und dafür bekommt er einen Grammy.

Best Dance/Electronic Album.

Vielleicht sitzt irgendwo gerade ein Grammy-Funktionär zuhause, hört zum ersten Mal CIRCLONT6A [141.98][syrobonkus mix] und fragt sich, was genau da eigentlich ausgezeichnet wurde.

Richard D. James dürfte die Vorstellung gefallen.

Mir auch.

Aphex Twin hat einen Grammy. Natürlich hat er einen Grammy. Und vielleicht ist das die eleganteste Form des Trollens überhaupt: Du spielst das Spiel nie mit, veränderst keine deiner Regeln und irgendwann kommt das Spiel zu dir nach Hause und stellt dir eine Trophäe vor die Tür.

Ob Syro deshalb plötzlich mein Lieblingsalbum wird?

Nein.

Ganz sicher nicht.

Aber frag mich 2025 noch einmal.


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