Porträt von Nico Stojan mit farbigem Lichtverlauf

FM! Kolumne. Wenn Menschen gehen, bleibt ihre Musik

Eine Hommage an Künstler und Weggefährten, die viel zu früh verstorben sind

Manche Nachrichten treffen nicht sofort mit voller Wucht.

Man liest einen Namen. Man sieht ein altes Foto. Vielleicht läuft irgendwo ein Set, das man unzählige Male gehört hat. Für einen kurzen Moment weigert sich der Kopf zu verstehen, was dort eigentlich steht. Dann begreift man langsam: Dieser Mensch wird nicht wieder hinter einem Mischpult stehen. Es wird kein neues Release geben, keinen überraschenden Auftritt, keine Begegnung in irgendeinem Backstage, auf einem Dancefloor oder zwischen zwei viel zu lauten Lautsprechern.

In den vergangenen Jahren haben uns immer wieder solche Nachrichten erreicht. Manchmal ging ein Name, den Millionen Menschen kannten. Manchmal ein Künstler, dessen Welt kleiner war – regionaler, direkter, persönlicher. Aber Trauer richtet sich nicht nach Reichweite. Sie kennt keine Charts, keine Streamingzahlen und keine Größe auf einem Festivalplakat.

Dieser Beitrag ist deshalb keine Sammlung von Todesmeldungen. Er soll ein Ort der Erinnerung sein. Eine Verbeugung vor Menschen, die elektronische Musik nicht nur gespielt, sondern gelebt haben. Vor Künstlern, die Nächte geprägt, Szenen aufgebaut, Grenzen verschoben oder einfach den richtigen Track im richtigen Moment gespielt haben.

Der aktuelle Anlass ist der Tod von Nico Stojan.

Von dort aus schauen wir zurück. Nicht, um noch einmal das Sterben aufzuzählen, sondern um das hochleben zu lassen, was diese Menschen hinterlassen haben.


Nico Stojan – einer, bei dem Musik Verbindung bedeutete

Die Nachricht vom Tod Nico Stojans erreichte die elektronische Musikszene am 26. Juli 2026. Seine Familie und enge Freunde bestätigten über seine sozialen Kanäle, dass der Berliner DJ, Produzent und Labelmacher verstorben ist. Zu den Umständen seines Todes wurden keine Angaben gemacht – und dabei sollte es auch bleiben, solange die Menschen, die ihm am nächsten standen, nichts anderes entscheiden.

Gerade deshalb sollte die erste Frage nicht lauten, woran ein Mensch gestorben ist. Die wichtigere Frage ist: Was hat er in seinem Leben hinterlassen?

Bei Nico Stojan ist die Antwort umfangreich.

Er gehörte zu den Künstlern, die Berlins elektronische Kultur über viele Jahre mitprägten, ohne sich dabei über Lautstärke oder Selbstdarstellung definieren zu müssen. Seine musikalischen Wurzeln lagen in Jazz, Soul und Hip-Hop. Bereits als Jugendlicher begann er, mit Plattenspielern zu arbeiten. Später wurde er Resident der Bar25 – jenes beinahe mythischen Ortes an der Spree, an dem Club, Freiraum, Spielplatz, Parallelwelt und gesellschaftliches Experiment ineinanderflossen.

Wer diese Zeit erlebt hat, weiß, dass es dabei nie nur um einzelne Partys ging. Orte wie die Bar25 lebten von Menschen, die Atmosphäre nicht als Dienstleistung verstanden. Menschen, die eine Nacht nicht einfach beschallten, sondern ihr eine Richtung, eine Temperatur und manchmal sogar eine Seele gaben.

Nico Stojan war einer von ihnen.

Seine Sets konnten leicht wirken, ohne oberflächlich zu sein. Warm, aber nicht gefällig. Organisch, verspielt und gleichzeitig präzise. Später gründete er gemeinsam mit Acid Pauli das Label Ouïe, auf dem Musik erschien, die sich herkömmlichen Genregrenzen oft entzog. House, Downtempo, akustische Elemente und elektronische Experimente wurden dort nicht gegeneinander ausgespielt, sondern miteinander verbunden.

Auch in den Abschiedsworten seiner Angehörigen ging es weniger um Karrierepunkte als um seinen Charakter. Sie beschrieben ihn als liebevollen, warmherzigen und humorvollen Menschen voller Mitgefühl. Das sagt womöglich mehr über Nico Stojan aus als jede Diskografie.

Die internationale Szene verliert einen besonderen Musiker. Seine Freunde und seine Familie verlieren etwas, das durch keinen Nachruf beschrieben werden kann.

Und doch bleibt seine Musik. Nicht als Ersatz. Aber als Spur.

Weiterführende Links:

Die Familie bestätigte seinen Tod am 26. Juli 2026; eine Todesursache wurde nicht veröffentlicht. Stojan war langjähriger Bar25-Resident und Mitbetreiber beziehungsweise Mitgründer des Labels Ouïe.


Was bleibt: eine chronologische Erinnerung

2003: Christian Morgenstern – Musik aus einer Zukunft, die noch nicht begonnen hatte

Christian Morgenstern war erst 27 Jahre alt, als er im Juni 2003 starb.

Vielleicht berührt sein Werk auch deshalb bis heute so stark, weil darin ständig etwas Unvollendetes mitschwingt. Nicht im Sinne unfertiger Musik – seine Produktionen waren konzentriert, eigenständig und häufig erstaunlich weit voraus. Unvollendet blieb vielmehr die Entwicklung eines Künstlers, bei dem man das Gefühl hatte, dass noch sehr viel kommen würde.

Morgenstern ließ sich schon damals kaum sauber in ein Genre einordnen. Techno, Electro, Synth-Pop, experimentelle Elektronik und ein ausgeprägtes Gespür für Gestaltung liefen bei ihm zusammen. Seine Musik konnte kühl und maschinell erscheinen, im nächsten Moment aber beinahe verletzlich wirken.

Mit Forte Records schuf er sich eine eigene Plattform. Alben wie Hawaii Blue und Death Before Disko stehen exemplarisch für einen Musiker, der nicht versuchte, den Erwartungen einer Szene hinterherzulaufen. Er entwickelte seine eigene Vorstellung davon, wie elektronische Musik klingen und aussehen konnte.

Über seinen Tod kursierten lange widersprüchliche Darstellungen. Resident Advisor beschreibt ihn als Suizid. Andere biografische Quellen berichteten von gesundheitlichen Beschwerden kurz vor seinem Tod. Weil sich öffentlich zugängliche Angaben widersprechen, wäre es unredlich, eine Version als vollständig zweifelsfrei gesichert darzustellen.

Was zweifelsfrei bleibt, ist sein künstlerischer Einfluss.

Christian Morgenstern hat Musik hinterlassen, die auch mehr als zwei Jahrzehnte später nicht wie ein museales Dokument klingt. Sie wirkt noch immer eigenwillig, modern und unbequem lebendig.

Weiterführende Links:

Resident Advisor nennt den 17. Juni 2003 als Todestag und ordnet Morgensterns Tod als Suizid ein. Andere biografische Darstellungen geben abweichende Umstände an; diese Widersprüche sollten transparent bleiben.


2006: Mark Spoon – mitten aus der großen Rave-Erzählung gerissen

Wenn man über die deutsche Rave- und Trancegeschichte der Neunziger spricht, führt an Mark Spoon kein Weg vorbei.

Markus Löffel, der aus seinem Nachnamen kurzerhand seinen Künstlernamen machte, besaß eine Präsenz, die schwer zu übersehen war. Gemeinsam mit Jam El Mar bildete er Jam & Spoon. Unter diesem Namen entstanden Stücke, die elektronische Musik aus den Clubs heraus in das Radio, in die Charts und in das Gedächtnis einer ganzen Generation trugen.

Stella, Right in the Night und Find Me waren keine austauschbaren Danceproduktionen. Sie verbanden Clubmusik mit großen Melodien und einer fast filmischen Weite. Daneben entstanden unter Namen wie Tokyo Ghetto Pussy und Storm weitere Projekte, die zeigten, wie beweglich diese Szene damals war.

Mark Spoon verkörperte eine Zeit, in der Techno plötzlich überall zu sein schien. Loveparade, Fernsehauftritte, riesige Veranstaltungen – aber auch Clubs, Labels und eine Szene, die ihren Platz in der deutschen Kultur erst noch erkämpfen musste.

Am 11. Januar 2006 wurde er tot in seiner Berliner Wohnung gefunden. Er war 39 Jahre alt. Als Todesursache wurde Herzversagen genannt.

Sein Tod traf eine Szene, die ihn als Künstler und als unverwechselbare Persönlichkeit kannte. Bei Mark Spoon gehörten Musik, Auftreten, Exzess, Humor und Verletzlichkeit offenbar eng zusammen. Ihn auf seine größten Hits zu reduzieren, würde ihm nicht gerecht.

Er war Teil jener Generation, die Rave nicht geerbt hatte. Sie musste ihn erst erschaffen.

Weiterführende Links:

Mark Spoon starb am 11. Januar 2006. Der WDR nennt Herzversagen als Todesursache; seine Arbeit mit Jam & Spoon und weiteren Projekten machte ihn zu einer prägenden Figur der deutschen Trance- und Ravegeschichte.


2012: Pete Namlook – ein ganzes Universum in einem Plattenkatalog

Pete Namlook war kein Künstler, dessen Werk sich mit drei Hits erklären lässt.

Peter Kuhlmann, wie er bürgerlich hieß, hinterließ einen der umfangreichsten Kataloge der elektronischen Musik. Mit seinem Frankfurter Label FAX +49-69/450464 veröffentlichte er Ambient, Techno, Trance und experimentelle Elektronik in einer Geschwindigkeit und Konsequenz, die bis heute beinahe unglaublich erscheint.

Bei ihm ging es nicht nur um einzelne Tracks. Namlook dachte in Räumen, Serien, Kooperationen und langen musikalischen Bewegungen. Gemeinsam mit Künstlern wie Klaus Schulze, Richie Hawtin, Bill Laswell oder Tetsu Inoue entstanden Werke, die elektronische Musik weniger als Dancefloor-Funktion und mehr als eigene Welt begriffen.

Seine Produktionen konnten kosmisch wirken, dann wieder minimalistisch, meditativ oder fremdartig. Das FAX-Label wurde zum Zufluchtsort für Musik, die sich nicht an gewöhnlichen Veröffentlichungszyklen oder Marktlogiken orientierte.

Pete Namlook starb am 8. November 2012 im Alter von 51 Jahren. Erste Mitteilungen aus seinem Umfeld sprachen von einem friedlichen, plötzlichen Tod und ließen die genaue Ursache zunächst offen. Später wurde in verschiedenen biografischen Darstellungen ein Herzinfarkt genannt.

Unabhängig von dieser Einzelheit bleibt ein außergewöhnliches Vermächtnis: ein Katalog, in dem man sich über Jahre verlieren kann und dennoch immer wieder auf unbekannte Räume stößt.

Weiterführende Links:

Namlook starb am 8. November 2012 im Alter von 51 Jahren. Die erste Mitteilung seines Labels beziehungsweise Umfelds nannte zunächst keine konkrete Todesursache; spätere Quellen führen einen Herzinfarkt an.


2012: DJ Pierre – Stammheim war mehr als ein Club

Nur wenige Wochen nach Pete Namlook verlor die deutsche Technoszene einen weiteren prägenden Künstler.

DJ Pierre, bürgerlich Pierre Blaszczyk, darf nicht mit dem gleichnamigen Chicagoer Acid-House-Pionier von Phuture verwechselt werden. Dieser Pierre gehörte zu Kassel. Zum Aufschwung Ost. Zum Stammheim. Zu einer Clubgeschichte, die für viele Menschen bis heute größer ist als die Summe ihrer Veranstaltungen.

Als Resident prägte er den Sound des Aufschwung Ost und später des Stammheim entscheidend mit. Seine Sets standen für kompromisslosen, oft harten und dennoch intelligent aufgebauten Techno. Pierre besaß die Fähigkeit, einen Raum nicht nur musikalisch zu bedienen, sondern ihn unter Spannung zu setzen.

Gemeinsam mit DJ Marky gründete er die Labels Hörspielmusik und Utils. Dort erschienen Produktionen von Künstlern wie Heiko Laux, Chris Liebing, Toktok, The Advent und DJ Rush. Damit war Pierre nicht nur der Mann hinter den Plattenspielern, sondern auch jemand, der Strukturen für andere Künstler schuf.

Seine Heimfidelity-Mix-CDs wurden zu Dokumenten einer Zeit, in der der Kasseler Techno weit über die Region hinausstrahlte. Für viele sogenannte Heimkinder war Pierre nicht einfach ein Resident. Er gehörte zur Identität dieses Ortes.

Am 12. Dezember 2012 starb Pierre Blaszczyk im Alter von nur 38 Jahren. Als Todesursache wurde ein schwerer Asthmaanfall genannt.

Die Nachricht löste weit über Kassel hinaus Trauer aus. Monika Kruse erinnerte an ihn als großen Menschen – im Herzen und hinter den Plattenspielern. Solche Worte sagen viel über jemanden, dessen Bedeutung eben nicht nur in veröffentlichten Platten bestand.

Clubs schließen. Gebäude verschwinden. Namen von Veranstaltungsreihen geraten in Vergessenheit. Aber manche Menschen werden für immer mit einem Ort verbunden bleiben.

DJ Pierre und das Stammheim gehören zusammen.

Weiterführende Links:

Pierre Blaszczyk war Resident im Aufschwung Ost und Stammheim, gründete Hörspielmusik und Utils und starb am 12. Dezember 2012 im Alter von 38 Jahren an einem Asthmaanfall.


2018: Avicii – der Mensch hinter dem weltweiten Erfolg

Bei Avicii war die Fallhöhe für alle sichtbar.

Tim Bergling wurde innerhalb weniger Jahre zu einem der bekanntesten Produzenten und DJs der Welt. Seine Musik brachte elektronische Tanzmusik in Stadien, Radioprogramme und auf Bühnen, die zuvor kaum jemand aus der Clubkultur erreicht hatte.

Levels war mehr als ein Hit. Der Track gehörte zum Sound einer ganzen Ära. Mit Wake Me Up verband Avicii elektronische Musik, Soul, Folk und Pop zu etwas, das damals gleichermaßen irritierte und begeisterte. Seine Melodien waren unmittelbar. Sie wirkten groß, ohne kompliziert sein zu müssen.

Doch während die Bühnen immer größer wurden, wurde auch der Druck größer.

Hunderte Shows, Reisen, Erwartungen, gesundheitliche Probleme und eine Industrie, die Erfolg gewöhnlich nicht dadurch beantwortet, dass sie einem Menschen Ruhe lässt. Tim Bergling zog sich 2016 vom Tourleben zurück. Er wollte weiter Musik machen, aber nicht mehr in jener Maschine funktionieren, die aus einem jungen Produzenten ein globales Produkt gemacht hatte.

Am 20. April 2018 wurde Avicii im omanischen Maskat tot aufgefunden. Er war 28 Jahre alt. Seine Familie sprach später davon, dass er nach Frieden gesucht habe und nicht mehr weitermachen konnte. Sein Tod wurde als Suizid eingeordnet.

Dabei sollte sein Leben nicht von seinem Tod verschluckt werden.

Avicii war ein neugieriger, außergewöhnlich melodischer Produzent, der die Grenzen dessen verschob, was elektronische Musik im Mainstream sein konnte. Zugleich wurde sein Schicksal zu einer schmerzhaften Erinnerung daran, dass Erfolg und seelisches Wohlergehen keine Synonyme sind.

Die von seiner Familie gegründete Tim Bergling Foundation setzt sich heute unter anderem für psychische Gesundheit und Suizidprävention ein. Damit wirkt sein Name nicht nur musikalisch weiter.

Weiterführende Links:

Avicii starb am 20. April 2018 im Alter von 28 Jahren in Maskat. Seine Familie beschrieb später seinen inneren Kampf und seinen Wunsch nach Frieden; sein Vermächtnis wird unter anderem durch die Tim Bergling Foundation weitergetragen.


2024: DJ Warmduscher – eine Stimme, die sich nicht höflich zurücknahm

Thilo Markwort alias DJ Warmduscher hatte keine Musik für den Hintergrund gemacht.

Seine Produktionen wollten nach vorn. Auf die Fresse, Säurebad oder 10 kleine Bassdrums trugen ihren Ansatz bereits im Titel. Hard Trance, Hardstyle und druckvolle Clubmusik wurden bei ihm nicht mit feiner Ironie versteckt. Sie waren direkt, körperlich und bewusst überzeichnet.

Warmduscher wurde um die Jahrtausendwende durch Veröffentlichungen auf Kai Tracids Label Tracid Traxxx bekannt. Neben seinen Produktionen war er über Jahre als Radiomacher präsent. Seine Sendung Pick Up lief von 2000 bis 2006 bei sunshine live und brachte den härteren Sound regelmäßig zu Menschen, die nicht jede Woche in den entsprechenden Clubs stehen konnten.

Damit war er für viele nicht nur ein DJ. Er war eine Stimme, ein Begleiter und ein Zugang zu einer Szene.

Thilo Markwort starb am 8. Februar 2024 im Alter von 52 Jahren in einem Krankenhaus an den Folgen einer längeren schweren Erkrankung. Nach seinem Tod wurde aus seinem Umfeld eine Spendenaktion organisiert, um seiner Familie eine würdevolle Beisetzung zu ermöglichen.

Auch das gehört zur Wahrheit hinter der schillernden Oberfläche elektronischer Musik: Nicht jeder bekannte Name lebt automatisch in finanzieller Sicherheit. Hinter Releases, Radiosendungen und großen Erinnerungen stehen Menschen mit realen Sorgen, Familien und Verletzlichkeiten.

Warmduscher hinterließ Musik, die das Gegenteil von leise war.

Die Erinnerung an ihn darf trotzdem leise und liebevoll sein.

Weiterführende Links:

Thilo Markwort starb am 8. Februar 2024 im Alter von 52 Jahren an den Folgen einer längeren Erkrankung. Er veröffentlichte bei Tracid Traxxx und moderierte über mehrere Jahre die Radiosendung Pick Up.


2024: Tomcraft – mehr als diese eine unsterbliche Melodie

Es braucht nur wenige Sekunden.

Die Fläche setzt ein. Dann die Stimme. Und plötzlich wissen Menschen auf einem Dancefloor, die sich vorher nicht kannten, was als Nächstes kommt.

Loneliness ist einer jener Tracks, die ihren Urheber irgendwann beinahe zu überragen drohen. Thomas Brückner alias Tomcraft schuf gemeinsam mit Eniac einen Clubtitel, der 2003 die britischen Singlecharts anführte und bis heute weltweit gespielt wird.

Aber Tomcraft war mehr als dieser eine Song.

Seit den Neunzigerjahren veröffentlichte er Musik zwischen Techno, Trance, Progressive House und Electro. Tracks wie Prosac, The Circle, Silence oder Overdose zeigen eine Karriere, die sich über Jahrzehnte entwickelte. Mit Craft Music und seiner Beteiligung an Great Stuff Recordings schuf er zudem Plattformen, die auch anderen Produzenten Raum gaben.

Am 15. Juli 2024 starb Tomcraft im Alter von 49 Jahren. Seine Familie bestätigte seinen Tod einen Tag später. Eine Todesursache wurde nicht öffentlich genannt.

Besonders erschütternd waren die Reaktionen von Kollegen, die kurz zuvor noch mit ihm gespielt, telefoniert oder Pläne geschmiedet hatten. Diese Nähe zum normalen Leben macht solche Nachrichten oft so schwer begreifbar. Eben war da noch ein Gespräch. Eine Idee. Ein nächster Termin. Dann bleibt plötzlich nur Vergangenheit.

Tomcraft hinterließ seine Familie und eine Musik, die auf unzähligen Dancefloors weiterleben wird.

Vielleicht steckt darin eine eigenartige, fast bittere Poesie: Ein Künstler erschafft einen Welthit namens Loneliness – und dieser Track wird für den Rest seiner Existenz von Menschen gemeinsam gehört.

Weiterführende Links:

Tomcraft starb am 15. Juli 2024 im Alter von 49 Jahren. Seine Familie gab den Tod bekannt, machte aber keine Angaben zur Ursache. Loneliness erreichte 2003 Platz eins der britischen Singlecharts.


2026: Maytrixx – wenn eine Szene um einen ihrer eigenen Menschen trauert

Die Nachricht vom Tod des Tekk-Künstlers Maytrixx, bürgerlich Steven, verbreitete sich im Januar 2026 zunächst über Beiträge aus seinem Umfeld.

Wieder war da dieses Muster: Menschen sehen einen Abschiedspost, lesen ihn mehrfach und hoffen, etwas falsch verstanden zu haben. Dann füllen sich die Kommentare mit Erinnerungen, Bildern, Fragen und dem Versuch, einem unfassbaren Verlust wenigstens Worte zu geben.

Maytrixx war in der Hardtekk- und Hard-Techno-Szene verankert. Einer Szene, die von außen häufig nur als laut oder extrem wahrgenommen wird, im Inneren aber von engen Netzwerken, Wiederbegegnungen und einem starken Gemeinschaftsgefühl lebt.

In späteren Berichten wurde als Todesursache eine Lungenembolie genannt. Er starb viel zu früh.

Doch auch hier sollte die Todesursache nicht zum Mittelpunkt seiner Geschichte werden. Maytrixx war nicht das medizinische Ereignis, das sein Leben beendete. Er war ein Künstler, ein Freund und ein Teil jener Gemeinschaft, die heute seinen Namen weiterträgt.

Wer nur auf Reichweite schaut, unterschätzt, wie tief ein regional verwurzelter Künstler wirken kann. Vielleicht kannte ihn nicht jeder. Aber für die Menschen, die ihn kannten, ist genau das unerheblich.

Weiterführende Links:

Der Tod von Maytrixx wurde Ende Januar 2026 öffentlich bekannt. Zunächst gab es keine offizielle Angabe zur Ursache; spätere Berichte aus seinem Umfeld nannten eine Lungenembolie.


Und dann sind da die Namen, die für uns persönlich fehlen

Ein solcher Beitrag läuft immer Gefahr, nur über die Namen zu sprechen, zu denen sich große Archive, Presseartikel und internationale Nachrufe finden lassen.

Aber so funktioniert Erinnerung nicht.

Beim FM!network denken wir auch an Menschen, deren Tod vielleicht keine weltweiten Schlagzeilen ausgelöst hat. Menschen aus unserem Umfeld. Künstler und Weggefährten, die Teil unserer eigenen Geschichte und der Geschichte regionaler elektronischer Musik waren.

Wir denken an Wolfie.

Wir denken an Syno alias Florian Punzel.

Syno bewegte sich als DJ, Produzent und Liveact durch elektronische Zusammenhänge, die sich nicht allein über Veröffentlichungen erzählen lassen. Bei solchen Menschen bleiben Begegnungen, Gespräche, gemeinsam verbrachte Nächte und Erinnerungen, die in keiner öffentlichen Künstlerbiografie auftauchen.

Wir denken an P.Slang.

Und wir denken an Maytrixx.

Diese Namen stehen hier nicht als kleiner Anhang hinter den vermeintlich großen Künstlern. Sie gehören in denselben Raum der Erinnerung.

Denn was bedeutet überhaupt „groß“?

Ist ein Künstler groß, weil Millionen Menschen seinen Namen kennen? Weil ein Track die Charts erreicht? Weil sein Gesicht auf Festivalbannern zu sehen war?

Oder kann Größe auch darin liegen, dass jemand hundert Menschen eine Nacht geschenkt hat, die sie nie vergessen? Dass jemand einem jungen DJ den ersten Auftritt ermöglicht hat? Dass er nach dem Set nicht einfach verschwunden ist, sondern geblieben ist, geredet, gelacht und anderen zugehört hat?

Die Musikgeschichte wird von bekannten Namen erzählt.

Eine Szene lebt aber von sehr viel mehr Menschen.


Trauer kennt keine Reichweite

Der Tod eines international gefeierten Stars wird von Millionen Menschen wahrgenommen. Der Tod eines regionalen Künstlers vielleicht nur von einigen Hundert.

Doch für einen Freund, eine Partnerin, ein Kind, einen Weggefährten oder einen Menschen, der genau durch diese Musik geprägt wurde, ist dieser Unterschied bedeutungslos.

Trauer zählt keine Follower.

Sie prüft keine Chartposition.

Sie fragt nicht, wie groß der Name auf dem Plakat gedruckt war.

Und auch Erinnerung sollte das nicht tun.

Christian Morgenstern, Mark Spoon, Pete Namlook, DJ Pierre, Avicii, P.Slang, DJ Warmduscher, Tomcraft, Maytrixx und Nico Stojan kamen aus unterschiedlichen Generationen, Szenen und musikalischen Welten. Einige standen vor riesigen Menschenmengen. Andere waren vor allem dort zu Hause, wo Szene noch direkte Begegnung bedeutete.

Was sie verbindet, ist nicht ihr Tod.

Es ist die Tatsache, dass sie etwas geschaffen haben, das ihren Tod überdauert.

Ein Track kann einen Raum wieder öffnen, der längst verschwunden ist. Ein altes Set bringt plötzlich das Gefühl einer Nacht zurück, deren Einzelheiten man längst vergessen glaubte. Ein Name auf einem Flyer erinnert an Menschen, mit denen man seit Jahren nicht gesprochen hat. Manchmal reicht eine Bassline, und für wenige Sekunden ist alles wieder da.

Die Clubs.

Der Nebel.

Die Gesichter.

Das Gefühl, dass diese Nacht niemals enden würde.

Natürlich endete sie.

Aber sie war da.

Und diese Menschen waren da.


Solange wir uns erinnern, wird es nicht vollkommen still

Dieser Beitrag soll nicht mit dem Tod enden.

Er soll mit Dankbarkeit enden.

Danke für die Musik, die geblieben ist.

Danke für die Räume, die ihr geöffnet habt.

Danke für die Nächte, in denen sich Menschen durch eure Arbeit lebendig, frei oder wenigstens für einige Stunden weniger allein gefühlt haben.

Danke für jedes Set, jedes Release, jedes Gespräch, jedes gemeinsame Lachen und jeden Moment, der für euch vielleicht alltäglich war, für einen anderen Menschen aber unvergesslich wurde.

Wir erinnern an:

Nico Stojan.
Christian Morgenstern.
Mark Spoon.
Pete Namlook.
DJ Pierre.
Avicii.
P.Slang.
DJ Warmduscher.
Tomcraft.
Maytrixx.
Wolfie.
Syno alias Florian Punzel.

Und an all jene Künstler, Freunde und Weggefährten, deren Namen nicht öffentlich bekannt sind, die in unserem Leben aber einen festen Platz behalten.

Ihr fehlt.

Nicht nur als Künstler.

Als Menschen.

Rest in Beats.

Solange eure Musik gespielt wird, ist es niemals vollkommen still.


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