Düstere Schwarzweiß-Collage zum Dokumentarfilm KitKatClub Kinks of Berlin über Techno, Fetisch, Freiheit und Consent

KitKatClub. Kinks of Berlin zeigt einen Ort, den man eigentlich nicht zeigen darf.

Berlin hat vermutlich keinen Mangel an Clubs, über die mehr Geschichten erzählt werden als tatsächlich belegbar sind. Beim KitKatClub gehört dieser Mythos fast zur Architektur. Techno, Fetisch, BDSM, nackte Körper, extravagante Outfits, Sex und eine Tür, an der man mit dem üblichen Samstagabend-Look ziemlich schnell wieder umdrehen kann. Vor allem aber gehört eine Regel seit Jahren zum Selbstverständnis dieses Ortes: Was im Club passiert, soll nicht am nächsten Morgen als verwackeltes Hochkantvideo durchs Netz geistern. Kameras und Smartphones haben auf dem Dancefloor nichts verloren. Privatsphäre ist hier kein freundlicher Hinweis am Eingang, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Menschen ihre Kleidung, ihre alltäglichen Rollen und teilweise auch ihre Hemmungen ablegen können. Ausgerechnet über diesen Ort kommt nun ein Kinofilm. KitKatClub – Kinks of Berlin startet am 10. September 2026 in Deutschland. Und damit beginnt das eigentlich Interessante schon lange bevor die erste Szene läuft: Wie dreht man einen Dokumentarfilm über einen Raum, dessen Kultur unter anderem darauf basiert, nicht dokumentiert zu werden?

Regisseur Philipp Fussenegger ist dabei kein Reporter, der für ein Wochenende in die Berliner Fetischszene geschickt wurde und anschließend staunend von einer exotischen Parallelwelt erzählt. Er besucht den Club nach eigener Aussage seit mehr als zehn Jahren und kannte die Betreiber bereits vor dem Projekt. Dieses über Jahre entstandene Vertrauen war eine Voraussetzung dafür, überhaupt drehen zu können. Zwischen August 2022 und April 2025 entstanden die Aufnahmen. Herausgekommen ist ein rund 100 Minuten langer Dokumentarfilm in Schwarzweiß, der nicht einfach eine möglichst spektakuläre Samstagnacht abfilmt. Im Mittelpunkt stehen Menschen. Clubgründer Simon Thaur erzählt gemeinsam mit Wegbegleitern von der Geschichte des Hauses. Tim alias Raven Van Krueger verfolgt seinen Weg als Drag-Künstler. Andere Protagonisten öffnen Teile ihrer Beziehungen, Sexualität und persönlichen Entwicklung. Fetisch und Sex sind dabei sichtbar, aber der Film interessiert sich mindestens ebenso für Nähe, Identität und Scham. Das ist eine wichtige Unterscheidung. Denn natürlich ließe sich ein Film über das KitKat unfassbar billig verkaufen. Ein paar nackte Körper, Bondage, Stroboskop, Kickdrum drunter und fertig wäre die voyeuristische Freakshow für Menschen, die einmal sehen möchten, was „die da in Berlin“ nachts treiben. Kinks of Berlin versucht genau dieser Perspektive auszuweichen.

Eine Kamera verändert den Raum, den sie dokumentieren will

Damit kommt man allerdings zu einem ziemlich fundamentalen Widerspruch. Die Abwesenheit von Kameras gehört schließlich zu den Bedingungen, unter denen diese Freiheit überhaupt entstehen kann. Wer normalerweise im KitKat tanzt, muss nicht permanent darüber nachdenken, ob der eigene Körper, das Outfit, ein Kuss oder eine intime Situation gerade auf irgendeinem fremden Smartphone landet. Nun steht plötzlich doch eine Kamera im Raum. Fussenegger und Kameramann Dino Osmanović mussten deshalb nicht nur die Zustimmung der Betreiber einholen. Bei Drehnächten wurde bereits am Eingang darauf hingewiesen, dass gefilmt wird, und jede im fertigen Film eindeutig erkennbare Person gab nach Angaben des Regisseurs schriftlich ihre Zustimmung. Es gab Situationen und ganze Drehtage, an denen Material nicht entstehen konnte, weil Beteiligte nicht gefilmt werden wollten. Dann blieb die Kamera aus. Besonders kompliziert wurde es, wenn Menschen berauscht waren oder sich Situationen dynamisch veränderten. Consent wurde deshalb nicht als einmaliges „Ja“ verstanden, sondern vor, während und nach den Aufnahmen wiederholt überprüft. Wenn später Bedenken bestanden, wurde erneut darüber gesprochen, ob und in welchem Kontext Material verwendet werden durfte.

Das klingt zunächst wie eine produktionstechnische Fußnote. Tatsächlich liegt darin vermutlich einer der interessantesten Aspekte des ganzen Films. Denn Consent funktioniert auch außerhalb eines Filmsets nicht besonders gut als einmal ausgestellter Freifahrtschein. Zustimmung ist situationsabhängig. Sie kann Grenzen haben. Sie kann zurückgezogen werden. Und gerade in Räumen, in denen Sexualität, Intoxikation und körperliche Nähe zusammentreffen, reicht ein irgendwann ausgesprochenes „Ja“ nicht automatisch für alles, was danach passiert. Die Produktion musste damit im Grunde dieselbe Frage lösen, mit der sexpositive Clubkultur permanent konfrontiert ist: Wie schafft man möglichst große Freiheit, ohne die Freiheit anderer Menschen zu überfahren? Das klingt paradox, ist aber eigentlich ziemlich logisch. Grenzen sind nicht das Gegenteil von Freiheit. In einem Raum wie dem KitKat können klare Grenzen überhaupt erst die Voraussetzung dafür sein.

Sexpositive bedeutet nicht problemloses Paradies

Genau an diesem Punkt wird es interessant, weil man das KitKat weder zum dekadenten Sündenpfuhl erklären noch zum vollkommenen Utopia verklären sollte. Ein Safe Space wird nicht automatisch sicher, nur weil die Menschen darin liberaler aussehen als draußen. Machtstrukturen verschwinden nicht an der Garderobe. Übergriffe, problematischer Drogenkonsum und Grenzverletzungen können auch in einer Community stattfinden, die sich explizit auf sexuelle Offenheit und Selbstbestimmung beruft. Der Film spart solche Ambivalenzen laut den verfügbaren Besprechungen nicht vollständig aus. Gerade das ist wichtig. Wer Clubkultur ernst nimmt, muss sie nicht permanent verteidigen. Man darf auch über ihre Widersprüche sprechen.

Denn hinter der spektakulären Oberfläche steckt eine größere gesellschaftliche Frage. Was passiert, wenn Menschen für einige Stunden einen Raum betreten, in dem Körper anders bewertet werden, klassische Geschlechterrollen weniger verbindlich erscheinen und Beziehungs- oder Sexualitätsmodelle sichtbar werden, die im normalen Alltag kaum stattfinden? Fussenegger beschreibt seine eigene erste Erfahrung im KitKat vor dem Hintergrund seiner katholisch-konservativ geprägten Herkunft aus Vorarlberg als Begegnung mit der Erkenntnis, dass auch andere Lebens- und Beziehungsformen existieren. Das muss niemand automatisch für sich übernehmen. Genau darum geht es auch nicht. Der kulturelle Wert eines solchen Raumes besteht nicht darin, jedem Menschen dieselbe Vorstellung von Freiheit aufzuzwingen. Er besteht darin, dass Alternativen überhaupt sichtbar und erlebbar werden können.

Das KitKat existiert seit den Neunzigern und ist inzwischen längst selbst Teil des internationalen Berlin-Mythos. Menschen reisen in die Stadt, weil sie diesen Ort erleben wollen. Genau darin steckt mittlerweile das nächste Spannungsfeld. Was einmal Subkultur ist, kann irgendwann Sehenswürdigkeit werden. Fetischästhetik wandert auf Laufstege und Instagram. Harnesses, Latex und Halsbänder tauchen als Fashioncodes auf, ohne dass ihre Träger zwangsläufig irgendeinen Bezug zur ursprünglichen Szene haben. Ein Club, dessen Attraktivität teilweise aus Geheimhaltung besteht, wird gleichzeitig weltweit vermarktet, diskutiert und nun im Kino gezeigt. Die Grenze zwischen kultureller Öffnung und touristischer Konsumierbarkeit wird dadurch ziemlich dünn.

Vielleicht ist Kinks of Berlin deshalb weniger ein Film darüber, was im KitKat passiert, als über die Menschen, die solche Räume benötigen und gestalten. Das ist ohnehin spannender als die nächste Aufzählung sexueller Praktiken. Denn nackte Haut allein erklärt keine Clubkultur. Ein Fetischoutfit erklärt keine Freiheit. Eine 4/4-Kick erklärt keinen Safe Space. Erst die Regeln, Beziehungen, Widersprüche und Menschen dahinter machen aus einem Raum eine Community.

Und damit schließt sich auch der Kreis zu unserer eigenen Frage bei FM!network: Was passiert eigentlich hinter den Kulissen eines Clubs? Wir reden gerne über DJs, Soundsystems und Nächte. Aber Türpolitik, Awareness, Sexualität, Drogen, Personal, Technik, Anwohner, Betreiber und Gäste gehören genauso dazu. Wer Clubkultur dokumentieren will, muss deshalb irgendwann die Perspektive wechseln. Weg vom Dancefloor als hübscher Kulisse. Hin zu den Menschen, die darin leben, arbeiten, scheitern, Grenzen setzen und manchmal für ein paar Stunden eine Version ihrer selbst ausprobieren, die draußen keinen Platz findet.

Kinks of Berlin besitzt dafür einen ziemlich cleveren visuellen Widerspruch: Ausgerechnet ein Club, der für Farbe, Körper, Exzess und sensorische Überladung steht, wird in Schwarzweiß festgehalten. Vielleicht ist das sogar die richtige Entscheidung. Denn das wildeste Bild dieses Films dürfte am Ende gar nicht irgendeine Sexszene sein. Es ist die Vorstellung, dass mitten in einer vollständig durch Smartphones dokumentierten Welt noch Räume existieren, in denen ein Mensch normalerweise einfach verschwinden darf.

Kein Reel. Keine Story. Kein Beweis. Nur diese eine Nacht.


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