Es gibt diese Bilder, die elektronische Musik ziemlich zuverlässig produziert. Dunkler Raum. Nebel. Strobo. Verschwitzte Körper. Irgendjemand reißt die Arme hoch, während die Kick alles andere für ein paar Sekunden verschwinden lässt. Normalerweise bedeutet dieses Verschwinden Alltag, Job, Rechnungen oder irgendeinen beschissenen Dienstag. In Black Sunflowers liegt außerhalb des Dancefloors allerdings kein gewöhnlicher Alltag. Dort ist Krieg. Junge Ukrainer fahren nachts nicht einfach nach Hause und diskutieren über das nächste Festival. Einige wechseln zwischen zivilem Leben und Militärdienst. Einer der Protagonisten ist Soldat und tanzt mit einer Beinprothese auf dem Ravefloor. Ein anderer fährt Militärtransporter und driftet während seiner Zeit abseits der Front mit Autos durch seine Heimatstadt. Menschen verlieben sich, streiten, fotografieren, fahren Rennen, hören Musik, feiern und versuchen irgendwie herauszufinden, was aus ihrem Leben werden soll. Alles Dinge, die Menschen Anfang zwanzig eben tun. Nur dass über dieser Generation seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 permanent eine Realität hängt, die jede Vorstellung einer normalen Jugend verschiebt. Genau dort setzt Regisseur James Marcus Haney mit seinem Dokumentarfilm Black Sunflowers an. Nicht bei der Frage, wie cool die ukrainische Raveszene trotz Krieg aussieht. Sondern bei einer viel unangenehmeren: Wie lebt man weiter, wenn das normale Leben jederzeit wieder von der Realität eingeholt werden kann?
Haney kam 2022 ursprünglich im Rahmen eines Auftrags für die Hilfsorganisation War Child UK in die Ukraine. Dort begegnete er einer Underground-Szene, die trotz Krieg weiterexistierte. Sein Übersetzer bewegte sich selbst in der Ravekultur. Aus einer zunächst simplen Beobachtung wurde eine Frage, aus der schließlich mehrere Jahre Arbeit entstanden: Was passiert mit einer Generation, die eigentlich gerade erwachsen werden, feiern, Beziehungen führen, Fehler machen und Zukunftspläne entwickeln sollte, während gleichzeitig Krieg herrscht? Haney pendelte in den folgenden drei Jahren zwischen Kyiv und Los Angeles und arbeitete gemeinsam mit einer ukrainischen Crew. Black Sunflowers wurde dadurch kein klassischer Frontbericht und auch keine Musikdokumentation im üblichen Sinn. Der Film folgt jungen Ravern, Streetracern, Künstlern, Fotografen und Soldaten. Einige dieser Rollen existieren sogar gleichzeitig in derselben Person. Die Weltpremiere fand am 11. September 2026 im Rahmen von TIFF Docs beim Toronto International Film Festival statt. Die drei TIFF-Vorführungen waren ausverkauft. Nach der Premiere ging es nicht zu irgendeinem Champagnerempfang, sondern zu einer Afterparty mit Ben UFO. Schon diese Kombination sagt ziemlich viel darüber aus, wo dieser Film kulturell verortet ist. (blacksunflowersmovie.com)
Rave ist hier keine hübsche Kulisse für einen Kriegsfilm
Elektronische Musik funktioniert in Black Sunflowers deshalb anders als in vielen Dokumentationen, in denen Clubbilder hauptsächlich benutzt werden, um Jugend, Exzess oder Rebellion möglichst schnell visuell zu codieren. Der Dancefloor ist hier Teil des tatsächlichen Lebens der Protagonisten. Und damit wird Rave plötzlich wieder das, was er historisch immer wieder gewesen ist: ein temporärer Raum, in dem gesellschaftliche Realität für einige Stunden anders organisiert werden kann. Nicht aufgehoben. Nicht vergessen. Anders organisiert. Genau diese Unterscheidung ist wichtig. Wer bei Bildern von feiernden Ukrainern reflexartig fragt, wie Menschen während eines Krieges überhaupt tanzen können, stellt möglicherweise die falsche Frage. Vielleicht müsste sie lauten: Wie sollte ein Mensch mehrere Jahre Krieg überstehen, wenn jeder Moment von Freude, Nähe, Musik und Normalität moralisch verdächtig wäre?
Denn Tanzen stoppt keine Rakete. Eine Bassdrum beendet keinen Krieg. Ein Warehouse-Rave schützt niemanden an der Front. Clubkultur sollte deshalb nicht romantisch zu einer Form des Widerstands erklärt werden, nur weil diese Erzählung gut klingt. Aber sie kann etwas anderes leisten. Sie kann Menschen für einige Stunden wieder eine Identität geben, die nicht ausschließlich durch Krieg definiert wird. Auf dem Dancefloor ist jemand eben nicht nur Soldat, Geflüchteter, Verwundeter oder Angehöriger. Er kann wieder Tänzer sein. DJ. Freund. Partner. Dieser Unterschied erscheint klein, bis man sich vorstellt, was passiert, wenn ein Krieg beginnt, sämtliche anderen Identitäten eines Menschen zu verschlucken. Black Sunflowers beobachtet genau diese Zwischenräume. Ein junger Soldat mit amputiertem Bein tanzt. Eine Fotografin richtet ihre Kamera irgendwann nicht mehr nur auf Natur, sondern auf die Zerstörung um sie herum. Eine andere junge Frau steht vor militärischer Ausbildung und möglicher Einberufung. Streetracing, Beziehungen und Clubnächte existieren neben Militärfahrzeugen, Verletzungen und Frontlinien. Nicht danach. Gleichzeitig.
Aphex Twin, Four Tet, Fred again.. und Brian Eno. Aber hört auch auf die ukrainischen Namen
Für elektronische Musikfans besitzt der Soundtrack natürlich eine ziemlich absurde Zugkraft. Aphex Twin, Four Tet, Fred again.., Brian Eno und Sega Bodega tauchen ebenso auf wie IDLES und Morphine. Dazu kommen ukrainische Künstler wie Nastya Vogan und Два Два Дев’ять. Den Original-Score verantworten Brad Oberhofer und der ukrainische Elektronikproduzent Koloah. Regisseur Haney wollte die Musik nach eigener Aussage nicht einfach nach international bekannten Namen kuratieren. Sie sollte widerspiegeln, was die porträtierten Menschen tatsächlich hören. Dadurch treffen ukrainische Musik und westliche Produktionen aufeinander, weil genau diese Mischung auch Teil der musikalischen Sozialisation der Protagonisten ist. Das ist vielleicht interessanter als jede prominente Tracklist. Eine Szene muss heute nicht geografisch isoliert sein, um eine eigene Identität zu entwickeln. Ein junger Mensch in Kyiv kann Aphex Twin hören, Fred again.. kennen, lokale Produzenten feiern und gleichzeitig etwas vollkommen Eigenes daraus machen.
Gerade Aphex Twin ist in diesem Kontext eine spannende Wahl. Seine Musik war selten klassische Wohlfühl-Elektronik. Zwischen fragilen Ambientflächen, abstrakten Rhythmen, brutalen Breakbeats und vollkommen kaputten Klangexperimenten steckt häufig gleichzeitig Schönheit und Unruhe. Brian Eno funktioniert wiederum fast am anderen Ende dieses Spektrums. Four Tet bewegt sich seit Jahren zwischen Clubfunktionalität und emotionaler Elektronik. Fred again.. hat die Verbindung aus persönlicher Erinnerung, Field Recordings, Stimmen und Dancefloor-Melancholie zu einem wesentlichen Bestandteil seiner musikalischen Sprache gemacht. Zusammen entsteht keine homogene „Rave-Soundtrack“-Playlist. Es entsteht ein musikalisches Spannungsfeld, das erstaunlich gut zu einem Film passt, dessen Protagonisten selbst zwischen vollkommen unterschiedlichen Realitäten wechseln.
Dass Sean Penn als Executive Producer beteiligt ist, liefert natürlich die griffigste Schlagzeile. Er ist allerdings nicht der Regisseur und Black Sunflowers ist nicht „der neue Sean-Penn-Film“. Regie führt James Marcus Haney, produziert wurde gemeinsam mit ukrainischen Filmschaffenden und der ukrainischen Produktionsfirma Limelite sowie internationalen Partnern. Penn gehört zu mehreren Executive Producern. Das klingt nach einer kleinen semantischen Korrektur, ist aber relevant. Denn gerade bei einem Film über die Ukraine wäre es ziemlich absurd, die ukrainischen Protagonisten und die jahrelange Arbeit des Regisseurs hinter dem größten Hollywood-Namen verschwinden zu lassen.
Was bleibt von Jugend, wenn Geschichte plötzlich dazwischenkommt?
Vielleicht liegt darin ohnehin die größte Stärke der Grundidee. Nachrichten reduzieren Krieg zwangsläufig auf Ereignisse. Raketenangriff. Geländegewinn. Verhandlung. Opferzahl. Waffenlieferung. Eine Generation besteht aber nicht aus Schlagzeilen. Während Politiker sprechen und Frontverläufe auf Karten verschoben werden, muss irgendwo jemand seinen Geburtstag feiern. Jemand verliebt sich. Jemand trennt sich. Jemand hört zum ersten Mal einen Track und wird ihn zehn Jahre später noch mit genau diesem Sommer verbinden. Jemand entscheidet, zur Armee zu gehen. Jemand anderes versucht, nicht eingezogen zu werden. Ein Mensch verliert ein Bein und steht irgendwann wieder auf einem Dancefloor. Diese Gleichzeitigkeit ist schwerer zu erzählen als eine klassische Kriegschronologie, aber vermutlich näher an dem, was Leben tatsächlich bedeutet.
Haney hat beschrieben, dass ihn auch die heutige Bilderflut beschäftigt. Fotografien und Videos aus Kriegsgebieten konkurrieren im selben Feed mit Memes, Rezepten und vollkommen banalem Entertainment. Die einzelne Aufnahme verliert dadurch möglicherweise einen Teil ihrer Fähigkeit, uns überhaupt noch zu erreichen. Black Sunflowers versucht dieser Abstumpfung nicht mit noch brutaleren Bildern zu begegnen, sondern mit Nähe zu einzelnen Menschen. Statt „der ukrainischen Jugend“ sehen wir konkrete Biografien. Das ist dokumentarisch vielleicht die wesentlich wirksamere Perspektive.
Und dann gibt es noch einen bemerkenswerten Nachsatz. Beim Toronto International Film Festival landete Black Sunflowers beim Publikumsvoting für den People’s Choice Documentary Award auf dem Platz des First Runner-Up. Das macht den Film nicht automatisch wichtiger und sagt noch nichts darüber aus, wie er außerhalb eines Festivalpublikums aufgenommen werden wird. Es zeigt aber, dass diese Geschichten offenbar Menschen erreichen, die weder wegen Aphex Twin noch wegen ukrainischer Ravekultur ins Kino gegangen sein müssen.
Für FM!network ist Black Sunflowers deshalb genau die Art Film, über die wir sprechen wollen. Nicht weil irgendwo eine Kickdrum läuft und wir daraus zwanghaft ein elektronisches Musikthema machen können. Sondern weil der Film eine Seite von Clubkultur zeigt, die in Line-up-Ankündigungen, Festival-Recaps und „10 Clubs, die du besucht haben musst“-Listen kaum vorkommt. Musik besitzt keine magische Kraft, die geopolitische Realität verschwinden lässt. Aber sie begleitet Menschen durch diese Realität. Manchmal gibt sie einem Raum eine andere Bedeutung. Manchmal verbindet sie Personen, die sich sonst nie begegnet wären. Und manchmal läuft sie einfach weiter, obwohl draußen alles dagegen spricht.
Das ist vielleicht kein Eskapismus.
Vielleicht ist es schlicht Leben.
Filmdaten
Titel: Black Sunflowers
Regie: James Marcus Haney
Jahr: 2026
Länder: Ukraine, USA
Genre: Dokumentarfilm
Laufzeit: rund 97 Minuten
Weltpremiere: 11.09.2026, TIFF Docs
Produktion: unter anderem Limelite, Snowball’s Chance und Stadium
Executive Producer: unter anderem Sean Penn
Original Score: Brad Oberhofer und Koloah


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