Fast drei Jahrzehnte Festivalgeschichte verschwinden nicht einfach vom Kalender. Sie hinterlassen Staub auf den Schuhen, Sonnenbrand, verwaschene Festivalbändchen in irgendwelchen Schubladen und ziemlich viele Geschichten, die am Montag danach grundsätzlich mit „eigentlich wollten wir nur kurz…“ beginnen. Das Highfield war über Jahre genau so ein Ort. Rock, Indie, Punk, Pop, ein bisschen Abriss, ein bisschen See, sehr viel Sommer. Nun war es das erst einmal. Highfield. One Last Dance. Und ausgerechnet beim letzten Tanz hat das Festival noch einmal etwas gemacht, das wir ihm vielleicht schon ein paar Jahre früher gewünscht hätten. Es hat den Verstärker ein Stück zur Seite geschoben und Platz für Subbass gemacht.
Die Veranstalter hatten bereits im Juli angekündigt, dass 2026 die vorerst letzte Ausgabe des Highfield stattfinden würde. Offiziell ist von einer kreativen Pause und einer möglichen Neukonzeption die Rede. Ein endgültiger Grabstein wäre deshalb verfrüht. Trotzdem fühlte sich das Wochenende am Störmthaler See ziemlich deutlich nach Abschied an. Die wirtschaftliche Realität hinter der Romantik ist dabei wenig sexy: Nach Angaben der Veranstalter sind Personal, Material, Künstlergagen und Energie im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit massiv teurer geworden. Gleichzeitig sitzt das Geld beim Publikum nicht mehr ganz so locker. Rund 28.000 Gäste kamen zuletzt, in besseren Jahren waren es bis zu 35.000. Festivalromantik trifft Excel-Tabelle. Und Excel gewinnt erstaunlich häufig.
Dabei hatte das Highfield für seine letzte Runde ausgerechnet musikalisch noch einmal die Fenster aufgerissen. Der Strand, ohnehin einer der Orte, die dieses Festival von vielen austauschbaren Ackerveranstaltungen unterschieden haben, bekam 2026 ein elektronisches Upgrade. Electric Beach hieß das Ding. Mehr Beats, mehr Bass, mehr BPM, wie das Festival selbst verkündete. House, Baile, Bass, Techno, elektronische Hybride und alles, was sich angenehm zwischen Sonnenuntergang, Daydrinking und „wir gehen wirklich nur noch auf einen Track rüber“ bewegt.
Und nein, plötzlich war das Highfield natürlich kein Fusion-Nachfolger mit Punkgitarren im Nebenprogramm. Auf der Main Stage standen weiterhin Kraftklub, Beatsteaks, SDP, Marteria, Dropkick Murphys oder Feine Sahne Fischfilet. Das Fundament blieb Rock, Indie, Alternative, Hip-Hop und alles, was seit Jahren zuverlässig Menschen dazu bringt, mit Bierbecher über dem Kopf Texte zu grölen. Aber nebenan lief plötzlich Josi Miller, Schwesta P, Crux Pistols, Relajadita, Austin, Miami Lenz, DJ Sportschuh, The Ironix, Clara B2B Flavius und Rutger Live. Drunken Masters übernahmen zudem die Warm-up-Party auf der Main Stage. Das war kein kleiner Spotify-Algorithmus in der Chillout-Ecke mehr, sondern ein eigener programmatischer Fingerzeig.
Gerade diese Mischung funktionierte erstaunlich logisch. Miami Lenz warf Hip-Hop, Baile, Jersey und House in denselben Mixer. Crux Pistols brachten House, Bass und Hip-Hop-Edits zusammen. DJ Sportschuh schraubte House auf Techno-Geschwindigkeit. Relajadita ging mit Hard Bounce und lateinamerikanischen Rhythmen deutlich härter zur Sache. Austin kümmerte sich um die klassische elektronische Sundowner-Fraktion. Wer behauptet, solche Sounds hätten auf einem vermeintlichen Rockfestival nichts verloren, hat vermutlich auch 2026 noch nicht mitbekommen, wie Festivalpublikum tatsächlich Musik hört. Genregrenzen funktionieren hervorragend auf Plakaten. Nach dem dritten Getränk am Strand sind sie meistens ziemlich egal.
Vielleicht liegt genau darin eine kleine Ironie dieses letzten Highfield. Während sich die Festivalbranche seit Jahren fragt, wie man eine neue Generation erreicht, wie man relevant bleibt und wie man steigende Kosten gegen sinkende Planungssicherheit verteidigt, zeigte das Festival auf den letzten Metern selbst eine mögliche Antwort. Nicht indem es seine Identität entsorgte, sondern indem es sie durchlässiger machte. Gitarren blieben Gitarren. Punk blieb Punk. Aber am Wasser durfte plötzlich die Kickdrum geradeaus laufen.
Das Highfield hat zum Abschied nicht versucht, jünger auszusehen. Es hat einfach aufgehört, so streng darüber nachzudenken, was angeblich zu ihm gehört.
Und das ist vielleicht der bitterste Teil der Geschichte. Man hätte gerne gesehen, wohin sich dieser Ansatz entwickelt. Was passiert, wenn aus dem Electric Beach nicht nur das nette elektronische Sonderprogramm eines Jahres wird, sondern eine echte zweite musikalische Achse? Wenn ein Festival akzeptiert, dass derselbe Mensch nachmittags vor den Beatsteaks stehen, nachts zu 150 BPM tanzen und am nächsten Tag völlig schmerzfrei Marteria hören kann? Willkommen im Jahr 2026. Playlists haben die Genrepolizei längst arbeitslos gemacht.
Natürlich wäre es zu einfach, das Ende beziehungsweise die Pause des Highfield allein als musikalisches Problem zu lesen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Gründe sind strukturell. Produktionskosten explodieren, Top-Acts verlangen deutlich höhere Gagen, Besucher wägen stärker ab, welches der zahlreichen Festivals noch ins Jahresbudget passt. Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft spricht bei einzelnen Gagenentwicklungen sogar von einer Verdreifachung. Gleichzeitig verändert sich das Freizeitverhalten. Das klassische „vier Tage Camping, Dosenbier und vollständiger Kontrollverlust“-Paket ist längst nicht mehr für jede Generation automatisch der Höhepunkt des Sommers.
Und trotzdem standen sie am Störmthaler See und heulten. Besucher, Bands, Menschen, für die dieser Termin seit Jahren im Kalender festbetoniert war. „Was sollen wir denn nächstes Jahr machen?“, fragte ein Besucher gegenüber dpa ziemlich treffend. Kraftklub verabschiedete sich, ZSK sprach vom blutenden Herz, und selbst von Veranstalterseite klang die Mischung aus Zufriedenheit und Traurigkeit ziemlich eindeutig. Das ist eben der Unterschied zwischen irgendeinem Event und einem Festival, das über Jahre Teil einer persönlichen Zeitrechnung geworden ist. Man erinnert sich nicht daran, in welchem Jahr irgendeine Unternehmensmesse stattfand. Man weiß aber noch ziemlich genau, mit wem man 2014, 2018 oder 2023 auf irgendeinem völlig zerstörten Campingstuhl saß.
Das Highfield hinterlässt deshalb mehr als eine freie Stelle im Festivalkalender Ostdeutschlands. Seit 2010 gehörte die Halbinsel am Störmthaler See zu seiner DNA, davor lag die Heimat zwölf Jahre lang am Stausee Hohenfelden. Eine ganze Festivalgeneration ist mit diesem Namen groß geworden.
Vielleicht kommt es zurück. Vielleicht kleiner. Vielleicht anders. Vielleicht wirtschaftlich schlauer, musikalisch breiter und mit weniger Dingen, die auf PowerPoint großartig aussehen, aber auf einem Festival niemand wirklich vermisst. Die Veranstalter selbst lassen diese Tür bewusst offen. 2027 soll zunächst Pause sein, danach könnte eine neue Konzeption folgen. Wer aus „One Last Dance“ deshalb schon „für immer vorbei“ macht, schreibt die Todesanzeige ein bisschen zu früh.
Aber falls es tatsächlich der letzte Tanz in dieser Form gewesen sein sollte, dann war wenigstens die Musikauswahl zum Schluss ein schönes Statement.
Die Gitarren liefen noch.
Die Leute sangen noch.
Der See lag da wie immer.
Und irgendwo am Strand donnerte plötzlich eine Kick durch die Nacht.
Eigentlich hätte das Highfield ruhig noch ein paar Jahre genau damit weitermachen können.
Mach’s gut, Highfield. Und falls du wiederkommst, behalt den Electric Beach.


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