Ibiza, Trance und zwei Möchtegern-DJs im vollkommenen Ausnahmezustand
Es gibt Filme, die Clubkultur ernsthaft analysieren. Es gibt Dokumentationen über ihre politischen Wurzeln, ihre gesellschaftlichen Freiräume und ihre musikalische Entwicklung. Und dann gibt es „Kevin & Perry tun es“: eine hemmungslose britische Teenagerkomödie über zwei pubertierende Freunde, die nach Ibiza reisen, berühmte DJs werden und dabei möglichst schnell ihre Jungfräulichkeit verlieren wollen. Der Film besitzt weder den Anspruch einer realistischen Szenestudie noch irgendeine Form von Zurückhaltung. Trotzdem wurde er zu einer der bekanntesten filmischen Momentaufnahmen der europäischen Trance- und Clubkultur um die Jahrtausendwende.
Kevin und Perry verbringen ihre Zeit damit, schlechte Musik zu produzieren, von Frauen zu fantasieren und ihre Eltern für praktisch jedes Problem ihres Lebens verantwortlich zu machen. Nachdem Kevin eher zufällig einen Banküberfall verhindert, darf er sich eine Belohnung wünschen. Seine Entscheidung fällt erwartbar aus: eine Reise nach Ibiza, dem damaligen Sehnsuchtsort einer ganzen Generation elektronischer Musikfans. Dass seine Eltern mitkommen, empfindet Kevin als persönliche Katastrophe. Für ihn und Perry zählt nur ein Ziel: Sie wollen ihre Musik dem berühmten DJ und Produzenten Eyeball Paul vorspielen, selbst zu Stars werden und endlich bei den beiden Urlauberinnen Candice und Gemma landen.
Was folgt, ist eine Mischung aus Fremdscham, Slapstick, körperlichen Katastrophen und einer erstaunlich authentischen Clubkulisse. Die Handlung ist bewusst einfach und der Humor bewegt sich häufig deutlich unterhalb der Gürtellinie. Hinter all dem Unsinn konserviert der Film jedoch ein sehr konkretes Bild von Ibiza im Jahr 2000: riesige Clubs, überfüllte Dancefloors, euphorischer Trance, Sonnenaufgänge und DJs, die für junge Fans bereits den Status klassischer Rockstars erreicht hatten.
Als Ibiza noch nach Trance klang
Die Clubsequenzen wurden unter anderem im Amnesia gedreht. Dadurch besitzt der Film trotz seiner vollkommen überzeichneten Handlung eine Atmosphäre, die sich nicht vollständig im Studio nachbauen ließe. Teile der Aufnahmen entstanden während des laufenden Clubbetriebs mit echten Gästen und tatsächlich auftretenden DJs. Roger Sanchez und Seb Fontaine sind in kurzen Szenen zu sehen, während Rhys Ifans als Eyeball Paul die überhebliche Karikatur eines gefeierten Star-DJs verkörpert.
Eyeball Paul ist arrogant, selbstverliebt und behandelt Kevin und Perry vor allem als kostenlose Hilfskräfte. Trotzdem verehren sie ihn. Darin steckt eine überraschend treffende Beobachtung jener Zeit: Der DJ war längst nicht mehr bloß die Person, die im Hintergrund Platten auswählte. Er wurde zur zentralen Figur des Abends, zur Projektionsfläche und zum internationalen Star. Kevin und Perry wollen nicht nur Musik machen. Sie wollen Aufmerksamkeit, Anerkennung und ein Leben führen, das sie mit Ibiza, Sex und grenzenloser Freiheit verbinden.
Musikalisch funktioniert der Film heute wie eine Zeitkapsel. Zu hören sind Trance-, House- und Clubklassiker von Fragma, Mauro Picotto, Yomanda, Signum, Underworld, Fatboy Slim, Ayla und weiteren Künstlern. Der von Judge Jules zusammengestellte Soundtrack erschien im April 2000 und wurde unabhängig vom Film zu einem erfolgreichen Dokument der damaligen Dance-Szene.
Titel wie „Toca Me“, „Lizard“, „Coming on Strong“, „King of Snake“ oder das fiktive Eyeball-Paul-Thema tragen große Teile des Films. Die Musik ist nicht bloß Begleitung. Sie erzeugt jenes überzeichnete Ibiza, von dem Kevin und Perry träumen: laut, grell, euphorisch und scheinbar ohne Konsequenzen. Aus heutiger Sicht klingt dieser Sound unverkennbar nach der Übergangsphase zwischen den späten 1990er-Jahren und dem neuen Jahrtausend, als Trance längst die großen Clubs erreicht hatte, aber noch nicht vollständig durch die spätere EDM-Industrie ersetzt worden war.
Albern, geschmacklos und trotzdem erstaunlich herzlich
Der deutsche Titel „Kevin & Perry tun es“ reduziert den Film erwartungsgemäß auf seine pubertäre Grundidee. Tatsächlich besteht ein erheblicher Teil der Handlung aus Sexfantasien, Ekelhumor, Erbrechen und grotesken Demütigungen. Kevin und Perry sind anstrengend, selbstbezogen und vollkommen unfähig, mit Frauen normal zu sprechen. Trotzdem behandelt der Film seine Figuren nicht ausschließlich mit Verachtung.
Unter der groben Oberfläche steckt eine einfache Geschichte über Freundschaft, Unsicherheit und den Wunsch, endlich ernst genommen zu werden. Kevin und Perry überspielen ihre Angst vor Ablehnung mit übertriebener Selbstdarstellung. Sie halten sich für zukünftige Weltstars, obwohl praktisch niemand ihre Musik hören möchte. Gerade dadurch bleiben sie trotz aller Geschmacklosigkeiten menschlich. Sie sind keine coolen Szenefiguren. Sie sind zwei überforderte Jugendliche, die glauben, Ibiza werde sämtliche Probleme automatisch lösen.
Auch Kevins Eltern sind mehr als bloße Hindernisse. Während Kevin ihre Anwesenheit als ultimative Erniedrigung empfindet, genießen sie den Urlaub, die Clubs und ihre Beziehung deutlich entspannter als ihr Sohn. Damit dreht der Film seine Ausgangsidee geschickt um: Nicht die Jugendlichen sind automatisch frei und modern, während die Erwachsenen langweilig bleiben. Kevin und Perry sind verkrampft, unsicher und besessen von ihrem eigenen Image. Die Eltern haben dagegen schlicht Spaß.
Ein Kultfilm der Trance-Generation
„Kevin & Perry tun es“ wurde bei seiner Veröffentlichung nicht als großes filmisches Meisterwerk gefeiert. Der Humor war schon damals bewusst grob und die Geschichte kaum mehr als ein Rahmen für einzelne Sketche. Trotzdem entwickelte sich der Film über die Jahre zum Kulttitel. Dafür ist nicht nur seine Komik verantwortlich. Er konserviert einen Abschnitt europäischer Clubkultur, der heute sofort wiedererkennbar wirkt und dennoch unwiederbringlich vergangen ist.
Ibiza erscheint hier noch nicht als vollständig durchkuratierte Luxusmarke für VIP-Tische und soziale Medien. Die Insel ist ein überdrehtes Versprechen aus Musik, Hitze, Clubs und der Vorstellung, dort für einige Tage jemand anderes werden zu können. Natürlich war bereits damals vieles kommerziell. Doch der Film fängt eine Phase ein, in der Trance und elektronische Clubmusik für ein breites junges Publikum noch futuristisch, aufregend und leicht gefährlich wirkten.
Der vollständige Film
Unser Fazit
„Kevin & Perry tun es“ ist kein tiefgründiger Film über elektronische Musik und schon gar keine realistische Analyse der Clubkultur. Er ist laut, albern, geschmacklos und in vielen Momenten vollkommen absurd. Genau deshalb funktioniert er bis heute.
Hinter den pubertären Witzen steckt eine liebevolle Zeitkapsel der europäischen Trance-Ära. Das Amnesia, die Mode, die Musik und die überhöhte Figur des Superstar-DJs erzählen fast nebenbei von einer Zeit, in der Ibiza für viele junge Menschen als Zentrum einer grenzenlosen elektronischen Welt erschien.
Wer eine ernsthafte Technodokumentation sucht, ist hier falsch. Wer sich jedoch an euphorischen Trance, chaotische Urlaubsnächte und den kompromisslos dummen Humor der Jahrtausendwende erinnern möchte, bekommt einen der prägendsten Clubfilme dieser Generation.
Kevin und Perry wollten auf Ibiza endlich erwachsen werden. Zum Glück ist ihnen das nur sehr begrenzt gelungen.


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