DJ steht zwischen Plattenspielern und analoger Audiotechnik vor einer tanzenden Menge in einer historischen Diskothek.

TECHNORUSH

Von der ersten Diskothek bis zur Geburtsstunde des Techno

Techno begann nicht erst mit dem Fall der Berliner Mauer, der Loveparade oder den ersten Nächten im Tresor. Bevor aus elektronischen Beats eine internationale Jugend- und Clubkultur werden konnte, mussten sich zunächst die Diskothek, das DJ-Handwerk und eine vollkommen neue Vorstellung davon entwickeln, wie Musik gemeinsam erlebt wird. Die erste Folge der Dokumentationsreihe „TechnoRush“ setzt deshalb ungewöhnlich früh an. Unter dem Titel „Discjockeys, Beats und wilde Partys – Geburtsstunde von Techno“ führt sie vom Jahr 1959 bis 1989 und zeichnet nach, wie aus Schallplatten, Tanzlokalen, elektronischen Instrumenten und futuristischen Klangideen langsam die Grundlage einer neuen Musikkultur entstand.

Ausgangspunkt ist der Scotch Club in Aachen, der Anfang der 1960er-Jahre als eine der ersten modernen Diskotheken gilt. Statt einer klassischen Liveband wurde dort Musik von Schallplatten gespielt und durch einen Discjockey verbunden. Was heute selbstverständlich wirkt, war damals eine grundlegende Veränderung. Nicht mehr allein die Band oder der einzelne Song bestimmte den Abend, sondern die Auswahl, Reihenfolge und Präsentation bereits aufgenommener Musik. Der DJ wurde zum Vermittler zwischen Musik und Publikum und die Diskothek zu einem eigenen kulturellen Raum. Aus dieser zunächst einfachen Idee entwickelte sich über Jahrzehnte eine neue Form des Nachtlebens.

Die Dokumentation verfolgt diesen Weg weiter durch Disco, Funk, elektronische Avantgarde und die zunehmende Verbreitung von Synthesizern und Drumcomputern. Eine zentrale Rolle spielt dabei Kraftwerk. Die Düsseldorfer Gruppe verband Technologie, klare Rhythmen, reduzierte Texte und eine konsequent futuristische Ästhetik zu einer Musik, die Künstler in Europa und den USA nachhaltig beeinflusste. Besonders in Detroit traf dieser elektronische Entwurf später auf Funk, afroamerikanische Musikkultur und die industrielle Realität einer Stadt im Wandel. Daraus entwickelten Künstler wie Juan Atkins einen Sound, der schließlich als Techno bezeichnet werden sollte.

Eine Geschichte vor dem großen Rausch

Die Stärke der ersten Folge liegt darin, dass sie Techno nicht als plötzliches Berliner Ereignis erzählt. Die Musik entstand nicht an einem einzigen Ort und nicht innerhalb einer einzigen Nacht. Sie war das Ergebnis verschiedener technischer, gesellschaftlicher und musikalischer Entwicklungen. Diskotheken veränderten die Art des Ausgehens, DJs entwickelten neue Methoden des Mischens und elektronische Geräte ermöglichten Produktionen außerhalb klassischer Bandstrukturen. Gleichzeitig öffneten Disco, House und frühe elektronische Clubs Räume für Menschen, die in traditionellen gesellschaftlichen Strukturen häufig wenig Sichtbarkeit fanden.

WestBam führt als Chronist durch die dreiteilige Reihe und verbindet historische Entwicklungen mit persönlichen Erinnerungen. Ergänzt wird die Geschichte durch Zeitzeugen und Künstler wie Juan Atkins, Paul van Dyk, Tanith, Elsa for Toys und Kerstin Eden. Die erste Episode bleibt dabei vor allem bei den Grundlagen: Wie entstand die Figur des DJs? Warum wurden elektronische Instrumente für die Clubmusik so wichtig? Und wie konnte aus scheinbar kalten Maschinenklängen eine Musik entstehen, die Menschen körperlich und emotional zusammenbringt?

Nicht jede historische Verkürzung der Dokumentation bleibt unwidersprochen. Die Behauptung, Techno sei eine maßgeblich in Deutschland geprägte weltweite Bewegung, muss immer durch seine schwarzen Ursprünge in Detroit ergänzt werden. Deutschland und insbesondere Berlin spielten eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der europäischen Technokultur und ihrer späteren internationalen Sichtbarkeit. Erfunden wurde Techno jedoch von schwarzen Künstlern in Detroit. Die erste Folge von „TechnoRush“ liefert hierfür wichtige Verbindungslinien, auch wenn die große deutsche Erfolgsgeschichte erwartungsgemäß im Vordergrund steht.

Die vollständige erste Folge

Unser Fazit

Die erste Folge von „TechnoRush“ ist ein kompakter und unterhaltsamer Einstieg in die Vorgeschichte des Techno. Statt unmittelbar bei Berlin, Raves und den 1990er-Jahren anzusetzen, beginnt die Dokumentation bei der Entstehung der Diskothek und zeigt, wie grundlegend sich das Verhältnis zwischen Musik, Technik und Publikum verändern musste, bevor elektronische Clubkultur überhaupt entstehen konnte.

Die Produktion richtet sich klar an ein breites Publikum und erzählt ihre Geschichte entsprechend zugänglich. Manche Entwicklungen werden stark verdichtet, andere könnten tiefer oder kritischer behandelt werden. Als Auftakt einer dreiteiligen Reihe funktioniert die Folge dennoch sehr gut. Sie zeigt, dass Techno nicht aus dem Nichts erschien. Vor dem großen Rausch standen Jahrzehnte voller technischer Experimente, gesellschaftlicher Veränderungen und Menschen, die begannen, Musik vollkommen anders zu denken.

Bevor Techno die Nacht veränderte, musste der DJ erst lernen, sie zu erzählen.


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