Junge Menschen tanzen Anfang der 1990er-Jahre in einem dunklen Technoclub zwischen Nebel, Stroboskoplicht und industriellen Wänden.

WE CALL IT TECHNO!

Als Deutschland eine neue Jugendkultur erfand

Bevor Techno zur internationalen Festivalindustrie, zum Wirtschaftsfaktor und zum festen Bestandteil deutscher Popkultur wurde, war die Szene klein, improvisiert und für Außenstehende kaum zu verstehen. Die Dokumentation „We Call It Techno!“ blickt zurück auf die Jahre von 1988 bis 1993 und erzählt, wie sich aus Acid House, elektronischer Avantgarde, illegalen Partys und einer wachsenden Begeisterung für futuristische Maschinenmusik eine eigenständige deutsche Technokultur entwickelte. Der Film verbindet historische Aufnahmen mit Interviews und lässt zahlreiche Menschen zu Wort kommen, die diese Zeit nicht nur beobachtet, sondern aktiv gestaltet haben.

Mit dabei sind unter anderem Sven Väth, Dr. Motte, Dimitri Hegemann, Talla 2XLC, Tanith, DJ Hell, Cosmic Baby, Mijk van Dijk, Marc Acardipane, Mark Reeder und Jürgen Laarmann. Ihre Erinnerungen führen nach Frankfurt, Berlin, Köln und in weitere frühe Zentren der Szene. Dabei wird schnell deutlich, dass es nicht die eine Geburtsstunde des deutschen Techno gab. Unterschiedliche Städte, Clubs und musikalische Strömungen entwickelten ihre eigenen Vorstellungen davon, wie die Zukunft klingen sollte. In Frankfurt traf elektronische Clubmusik auf eine bereits etablierte DJ- und Discokultur, während Berlin nach dem Fall der Mauer zu einem offenen Experimentierfeld wurde. Leer stehende Gebäude, Keller und ehemalige Industrieflächen boten Räume, in denen sich eine neue Generation nahezu ohne feste Regeln ausprobieren konnte.

Eine Kultur ohne fertigen Bauplan

Die besondere Stärke von „We Call It Techno!“ liegt im historischen Material. Alte Clubaufnahmen, Fernsehausschnitte, Fotografien, Flyer und Interviews vermitteln eine Zeit, in der Techno noch nicht vollständig definiert war. Begriffe, Genres und Verhaltensregeln entstanden erst während des gemeinsamen Feierns. Niemand wusste genau, ob daraus eine dauerhafte Bewegung werden würde. Gerade diese Offenheit machte die frühen Jahre so produktiv. Kleidung, Grafikdesign, Veranstaltungsformen und Musik entwickelten sich gleichzeitig und beeinflussten einander.

Der Film zeigt außerdem, dass Techno mehr war als eine neue musikalische Stilrichtung. Die Szene stellte traditionelle Vorstellungen von Stars, Bands und Konzerten infrage. Statt einer klar beleuchteten Bühne stand der gemeinsame Raum im Mittelpunkt. Der DJ wurde zum Vermittler, der Club zum temporären Gegenentwurf des Alltags und die Nacht zu einem Ort, an dem gesellschaftliche Grenzen zumindest für einige Stunden an Bedeutung verlieren konnten. Herkunft, Beruf und sozialer Status spielten auf dem Dancefloor weniger eine Rolle als die Bereitschaft, sich auf Musik, Licht und Gemeinschaft einzulassen.

Besonders prägend war die Zeit nach dem Mauerfall. In Berlin trafen Menschen aus Ost und West in Räumen aufeinander, die zuvor politisch, gesellschaftlich oder räumlich unzugänglich gewesen waren. Techno lieferte den passenden Sound für dieses neue Gefühl von Offenheit. Die Musik war abstrakt, international und weitgehend frei von traditionellen politischen oder kulturellen Symbolen. Sie schien aus der Zukunft zu kommen und passte damit zu einer Generation, die ihre gesellschaftliche Ordnung gerade vollständig neu verhandelte.

Gleichzeitig macht die Dokumentation deutlich, dass auch die frühe Szene nicht vollständig frei von Konkurrenz, Geschäftssinn und Selbstdarstellung war. Clubs, Labels, Magazine und Veranstalter erkannten schnell das wirtschaftliche Potenzial der Bewegung. Die Loveparade wuchs von einer kleinen Demonstration zu einem riesigen Ereignis, DJs wurden bekannter und aus improvisierten Partys entwickelten sich professionelle Strukturen. Die Frage, wann eine Subkultur ihren ursprünglichen Charakter verliert, begleitet Techno daher nicht erst seit der heutigen Festival- und Social-Media-Ära. Sie war bereits Teil seiner frühen Entwicklung.

Zwischen Erinnerung und Selbstinszenierung

Wie jede historische Dokumentation lebt auch „We Call It Techno!“ von persönlichen Erinnerungen. Die Protagonisten erzählen ihre eigene Version der Geschichte, setzen unterschiedliche Schwerpunkte und bewerten bestimmte Entwicklungen teilweise gegensätzlich. Genau das macht den Film jedoch interessant. Er versucht nicht, eine vollständig objektive Chronik vorzulegen, sondern zeigt eine Szene, die sich bereits während ihrer Entstehung über ihre eigene Bedeutung stritt.

Aus heutiger Sicht wirkt manches Material beinahe unschuldig. Die Technik war begrenzt, die Veranstaltungen vergleichsweise klein und die spätere globale Dimension elektronischer Musik kaum vorstellbar. Gleichzeitig ist bereits alles vorhanden, was die Clubkultur bis heute prägt: der Wunsch nach Freiheit, die Suche nach neuen Räumen, die Begeisterung für Technik und die permanente Spannung zwischen Underground und Kommerz.

Die vollständige Dokumentation

Unser Fazit

„We Call It Techno!“ gehört zu den wichtigsten Dokumentationen über die Entstehung der deutschen Technokultur. Der Film liefert keine Hochglanzbilder und keine nachträglich dramatisierte Heldengeschichte. Seine Stärke liegt in den originalen Aufnahmen, den unterschiedlichen Stimmen und dem Gefühl, einer Bewegung beim Entstehen zuzusehen, die ihre eigene Tragweite noch nicht vollständig begriffen hatte.

Für Menschen, die die frühen Jahre selbst erlebt haben, ist die Dokumentation eine dichte Erinnerungsreise. Für jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer erklärt sie, weshalb Techno in Deutschland weit mehr wurde als ein importierter Musikstil. Die Szene entwickelte eigene Räume, Medien, Labels und gesellschaftliche Codes und wurde damit zu einer der einflussreichsten Jugendkulturen des Landes.

Bevor Techno Geschichte wurde, war er vor allem eine offene Frage an die Zukunft.


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