Als Kassel für einige Jahre zum Mittelpunkt der Technowelt wurde
Die großen Erzählungen der deutschen Technogeschichte führen meist nach Berlin oder Frankfurt. Sie handeln vom Tresor, vom Omen, vom Dorian Gray, vom E-Werk und von einer Nachwendezeit, in der elektronische Musik ganze Städte zu verändern schien. Doch mitten in Deutschland entwickelte sich ein Club, der weder in einer internationalen Metropole lag noch von einem perfekten Standort profitierte. Das Stammheim in Kassel, zunächst unter dem Namen Aufschwung Ost eröffnet, wurde trotzdem zu einem der wichtigsten Technoclubs der 1990er-Jahre. Die Dokumentation „Zeitgeist Stammheim“ erzählt von einem Ort, der weit mehr war als ein großer Raum mit einer leistungsfähigen Anlage. Für seine Gäste wurde er zu einem eigenen gesellschaftlichen Kosmos, in dem Musik, Kunst, Freundschaft, Exzess und das Gefühl einer grenzenlosen Nacht miteinander verschmolzen.
Der Club eröffnete am 11. Februar 1994 in der ehemaligen Kulturfabrik Salzmann und erhielt 1996 den Namen Stammheim. Innerhalb kurzer Zeit zog er Gäste aus ganz Deutschland an und wurde von Szenemagazinen mehrfach als einer der besten Clubs des Landes ausgezeichnet. Internationale Künstler wie Jeff Mills, Richie Hawtin, Carl Cox, Laurent Garnier, DJ Rush, Ricardo Villalobos, Sven Väth und Paul van Dyk spielten in Kassel, während lokale Residents und das Umfeld des Clubs eine unverwechselbare eigene Identität entwickelten. Die Dokumentation lässt unter anderem Chris Liebing, DJ Rush, DJ Pierre, Chi, Henner Stang sowie Bringmann & Kopetzki zu Wort kommen und verbindet ihre Erinnerungen mit historischen Aufnahmen aus einer Zeit, in der das Wochenende für viele Menschen nicht nur Freizeit, sondern ein vollständiger Gegenentwurf zum Alltag war.
Mehr als die Summe seiner Nächte
„Zeitgeist Stammheim“ interessiert sich nicht ausschließlich für prominente DJs oder musikalische Meilensteine. Der Film fragt vor allem, weshalb dieser Club eine derart starke emotionale Bindung erzeugen konnte. Das Stammheim funktionierte als Treffpunkt für Menschen, die aus unterschiedlichen Städten, sozialen Milieus und Lebensentwürfen kamen. Auf dem Dancefloor sollten Herkunft, Beruf, Alter und Status möglichst wenig zählen. Entscheidend war das gemeinsame Erleben von Musik, Licht, Dekoration und körperlicher Erschöpfung. Der oft beschworene Gedanke von Love, Peace and Unity war hier keine bloße Werbeformel, sondern zumindest für die Dauer einer Nacht ein ernst gemeinter Versuch, andere Formen von Gemeinschaft zu leben.
Der Club besaß zugleich eine starke visuelle Identität. Die Räume wurden durch ungewöhnliche Installationen und Dekorationen verändert, während die von Bringmann & Kopetzki entwickelte Comicwelt rund um Figuren wie Ravelinde und ihre Arbeiten für die Groove-Zeitschrift den Stammheim-Stil weit über Kassel hinaus bekannt machte. Flyer und Illustrationen waren keine beiläufige Werbung, sondern Teil eines größeren kulturellen Entwurfs. Musik, Grafik, Architektur und Humor bildeten gemeinsam eine Welt, die sofort wiedererkennbar war und den Club von vielen anderen Orten unterschied.
Gerade diese Mischung aus professionellem Anspruch und kontrolliertem Wahnsinn machte das Stammheim besonders. Internationale Stars trafen auf lokale Eigenheiten, harte Musik auf verspielte Kunst und riesige Nächte auf eine fast familiäre Szene. Der Club ging mit eigenen Veranstaltungen auf Tour und trug seinen Namen sogar nach Berlin, London, Sydney und Detroit. Für einige Jahre wurde Kassel dadurch zu einem festen Punkt auf der internationalen Technolandkarte. Die Stadt war plötzlich nicht mehr nur für die documenta bekannt, sondern für einen Club, dessen Ruf weit über Hessen hinausreichte.
Zwischen Freiheit und Selbstzerstörung
Die Dokumentation verklärt diese Zeit nicht vollständig. Neben Euphorie, Kreativität und Gemeinschaft zeigt sie auch die Schattenseiten einer Szene, in der Grenzen bewusst überschritten wurden. Wochenenden gingen ineinander über, Drogen gehörten für viele zum selbstverständlichen Bestandteil der Nacht und der permanente Ausnahmezustand konnte Menschen ebenso befreien wie verschlingen. Einige Beteiligte berichten von der besten Zeit ihres Lebens, andere von Abstürzen und persönlichen Verlusten. Gerade diese Ambivalenz verleiht dem Film seine Glaubwürdigkeit.
Das Stammheim war ein Ort, an dem gesellschaftliche Regeln zeitweise außer Kraft gesetzt schienen. Doch selbst der intensivste Freiraum existiert nicht außerhalb seiner Umgebung. Anwohner beschwerten sich über Lärm, Müll, parkende Fahrzeuge und Drogenkonsum rund um das Gelände. Im Februar 2002 wurde der Mietvertrag gekündigt und der Club musste schließen. Damit endete nicht nur eine Veranstaltungsstätte, sondern eine zusammenhängende Epoche der Kasseler Nachtkultur.
Wie bei vielen legendären Clubs wurde der Mythos nach der Schließung noch größer. Stammheim-Partys fanden an anderen Orten statt, ehemalige Gäste erzählten ihre Geschichten weiter und der verlassene ursprüngliche Standort wurde zum Symbol für eine Zeit, die sich nicht wiederholen ließ. Die Dokumentation entstand einige Jahre später aus dem Versuch heraus, diese Erinnerungen festzuhalten, bevor aus ihnen nur noch vereinfachte Legenden werden konnten.
Die vollständige Dokumentation
Unser Fazit
„Zeitgeist Stammheim“ ist keine distanzierte Chronik eines ehemaligen Clubs. Der Film ist eine emotionale Spurensuche nach dem besonderen Zustand, der zwischen 1994 und 2002 in Kassel entstand. Seine Protagonisten sprechen mit Stolz, Humor, Nostalgie und teilweise sichtbarer Verletzlichkeit über eine Zeit, in der das Stammheim ihr soziales Zentrum und für manche beinahe ein zweites Zuhause war.
Die Dokumentation wirkt technisch und gestalterisch deutlich rauer als moderne Streamingproduktionen. Genau das passt jedoch zu ihrem Gegenstand. Sie erzählt keine makellos polierte Erfolgsgeschichte, sondern sammelt Stimmen, Archivmaterial und widersprüchliche Erinnerungen. Dadurch wird verständlich, warum das Stammheim bis heute einen beinahe mythischen Ruf besitzt.
Berlin hatte den Tresor. Frankfurt hatte das Omen. München hatte das Ultraschall. Und Kassel hatte einen Club, der bewies, dass kulturelle Bedeutung nicht von der Größe einer Stadt abhängt.
Das Stammheim war kein Ort, an dem man nur feiern ging. Für einige Jahre war es eine eigene Welt.


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