Die beiden Musiker von Modeselektor stehen zwischen elektronischen Geräten und Bühnentechnik in einem dunklen Berliner Studio.

WE ARE MODESELEKTOR

Zwei Berliner, ein eigener Kosmos und elektronische Musik ohne Schubladen

Modeselektor waren nie dafür gemacht, ordentlich in ein Genre einsortiert zu werden. Zu verspielt für klassischen Techno, zu brachial für reine Electronica, zu unberechenbar für den geraden Weg und gleichzeitig unverkennbar in allem, was sie anfassen. Die Dokumentation „We Are Modeselektor“ begleitet Gernot Bronsert und Sebastian Szary durch ihre gemeinsame Geschichte und zeigt, wie aus zwei Jugendlichen aus dem Berliner Umland eines der international prägendsten elektronischen Musikprojekte Deutschlands wurde. Dabei geht es weniger um die übliche Erzählung vom schnellen Aufstieg zweier DJs als um Freundschaft, Improvisation, technische Neugier und den konsequenten Willen, sich musikalisch niemals festlegen zu lassen.

Die Geschichte von Modeselektor beginnt lange vor großen Festivalbühnen, ausverkauften Konzerten und internationalen Kooperationen. Sebastian Szary organisierte bereits in den frühen 1990er-Jahren illegale Partys in Ostberlin, während sich nach dem Fall der Mauer eine neue elektronische Kultur zwischen stillgelegten Gebäuden, improvisierter Technik und bisher unbekannten Freiheiten entwickelte. Als er Gernot Bronsert kennenlernte, entstand eine Verbindung, aus der später Modeselektor hervorging. Die Dokumentation blickt zurück auf diese frühen Jahre und macht deutlich, wie stark die Berliner Nachwendezeit ihre Haltung geprägt hat: ausprobieren, selbst machen, Fehler zulassen und aus begrenzten Mitteln etwas Eigenes erschaffen.

Mehr Werkstatt als Heldenepos

Besonders angenehm ist, dass „We Are Modeselektor“ seine Protagonisten nicht als unnahbare elektronische Genies inszeniert. Gernot und Szary wirken direkt, humorvoll und teilweise angenehm chaotisch. Man erlebt sie im Studio, bei Konzerten, auf Reisen und im Gespräch mit Familienmitgliedern, Freunden und musikalischen Wegbegleitern. Statt einer perfekt geglätteten Künstlerbiografie entsteht so das Porträt zweier Menschen, deren Zusammenarbeit gerade deshalb funktioniert, weil sie unterschiedlich denken und sich dennoch aufeinander verlassen können.

Auch ihre Arbeitsweise wird nicht als geheimnisvolle Wissenschaft dargestellt. Musik entsteht bei Modeselektor durch Experiment, Spieltrieb und das bewusste Überschreiten stilistischer Grenzen. Techno, Electro, Hip-Hop, IDM, Bass Music und zahlreiche weitere Einflüsse werden nicht sauber voneinander getrennt, sondern miteinander verschmolzen. Geräte werden ausprobiert, Klänge verändert, Ideen verworfen und später wieder aufgegriffen. Dieser offene Umgang mit Technik und Genregrenzen ist ein wesentlicher Teil ihrer Identität. Modeselektor produzieren keine Musik nach festem Bauplan. Sie bauen sich für jedes Projekt einen neuen.

Die Dokumentation zeigt zugleich, wie wichtig Liveauftritte für ihre Entwicklung waren. Ihre Shows sind keine bloße Wiedergabe fertiger Studioproduktionen, sondern kontrollierte Ausnahmezustände. Die Energie zwischen Bühne und Publikum gehört ebenso zum Werk wie die Tracks selbst. Gerade in diesen Momenten wird verständlich, weshalb Modeselektor sowohl in kleinen Clubs als auch auf großen Festivalbühnen funktionieren konnten, ohne vollständig in der üblichen DJ- und Superstarlogik aufzugehen.

Zwischen Modeselektor, Moderat und Monkeytown

Natürlich kommt auch die Zusammenarbeit mit Sascha Ring alias Apparat zur Sprache. Gemeinsam gründeten sie das Projekt Moderat, das die rohe Energie von Modeselektor mit den atmosphärischen und melodischen Ansätzen von Apparat verband. Aus einer zunächst nicht immer einfachen Zusammenarbeit entstand eines der international erfolgreichsten Projekte der neueren Berliner Elektronikszene. Gleichzeitig bauten Gernot Bronsert und Sebastian Szary mit Monkeytown Records eine eigene Plattform auf, über die sie ihre Vorstellungen von elektronischer Musik unabhängiger verwirklichen konnten.

Gerade diese unterschiedlichen Ebenen machen die Dokumentation interessant. Sie erzählt nicht nur von zwei Musikern, sondern auch davon, wie aus Freundschaft ein dauerhaftes kreatives System entstehen kann. Modeselektor sind Künstler, Liveprojekt, Produzentenduo, Labelmacher und Teil eines größeren Netzwerks. Ihr Erfolg beruht nicht auf einer einzelnen stilistischen Formel, sondern auf der Fähigkeit, Veränderung zum Grundprinzip zu machen.

Die vollständige Dokumentation

Unser Fazit

„We Are Modeselektor“ ist ein nahbares, unterhaltsames und zugleich aufschlussreiches Künstlerporträt. Die Dokumentation zeigt keine makellose Karriere, sondern eine langjährige kreative Partnerschaft voller Umwege, Experimente und eigenwilliger Entscheidungen. Wer eine streng chronologische Geschichte des Berliner Techno erwartet, bekommt sie hier nicht. Stattdessen erlebt man zwei Künstler, die aus der Berliner Nachwendezeit hervorgingen, sich jedoch nie auf deren typische Erzählungen reduzieren ließen.

Der Film funktioniert besonders gut, weil er die Menschen hinter dem Projekt ernst nimmt, ohne sie größer zu machen, als sie selbst sein wollen. Man versteht nach diesen 75 Minuten nicht nur besser, wie Modeselektor arbeiten, sondern auch, weshalb ihre Musik bis heute so schwer einzuordnen ist. Sie suchen nicht nach der nächsten Schublade. Sie suchen nach dem Geräusch, das noch niemand richtig einsortieren kann.

Modeselektor folgen keinem Genre. Das Genre muss versuchen, ihnen zu folgen.


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