Als DJ Hell, Gigolo Records und der Electroclash die Nacht übernahmen.

Manche Musiklabels veröffentlichen Platten.

Andere erschaffen eine eigene Welt.

International Deejay Gigolo Records gehörte zweifellos zur zweiten Kategorie. Das 1996 in München von DJ Hell und DJ Upstart gegründete Label verband Techno, Electro, House, Synth-Pop, New Wave, Disco und Punk-Attitüde zu einem ebenso eleganten wie schmutzigen Gesamtbild. Gigolo war nicht nur ein Name auf Schallplatten. Gigolo war Sound, Mode, Provokation, Kunstprojekt und Nachtleben in einem.

Der 2005 erschienene Film „Freak Show – The Real Gigolo History Movie“ führt mitten hinein in dieses eigenwillige Universum.

Und schon nach wenigen Minuten wird klar: Das hier ist keine brav chronologisch abgearbeitete Musikdokumentation. Kein glatt produzierter Rückblick, in dem Zeitzeugen vor neutralen Wänden erklären, warum früher alles so wichtig war.

„Freak Show“ ist näher dran.

Rauer.

Unberechenbarer.

Und wahrscheinlich genauso größenwahnsinnig wie das Label, dessen Geschichte hier erzählt wird.

Kein gewöhnliches Labelporträt

Die Kamera begleitet DJ Hell und die Gigolo-Familie durch Clubs, Hotelzimmer, Backstagebereiche, Straßen, Studios und jene schwer definierbaren Zwischenräume, in denen eine Nacht entweder gerade endet oder bereits die nächste beginnt.

Zu sehen sind Künstler, DJs, Performer und eigenwillige Figuren aus dem Umfeld des Labels. Junge Versionen von Tiga, Miss Kittin, Traxx und zahlreiche weitere Protagonisten tauchen in einer Welt auf, die zugleich glamourös, heruntergekommen, sexy, absurd und vollkommen ernst gemeint wirkt. Der Film dokumentiert unter anderem eine Reise der Gigolo-Crew von Deutschland in die USA und vermittelt dabei weniger eine geordnete Unternehmensgeschichte als das Gefühl einer verschworenen, beinahe kultartigen Künstlerfamilie.

Genau darin liegt seine Stärke.

Der Film versucht nicht, Gigolo Records nachträglich vernünftig erscheinen zu lassen.

Er zeigt eine Gemeinschaft, die aus ihrer Widersprüchlichkeit ihre Energie bezieht. Menschen, die gleichzeitig hochprofessionell und vollkommen durchgedreht wirken. Künstler, die zwischen ironischer Überhöhung und bedingungslosem Ernst operieren. Nächte, in denen niemand genau zu wissen scheint, ob gerade eine Performance, eine Party oder ein kontrollierter Zusammenbruch stattfindet.

Vermutlich war es meistens alles gleichzeitig.

Der Sound einer neuen alten Zukunft

Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre entstand rund um Gigolo Records ein Sound, der sich aus scheinbar längst vergangenen Dingen bediente und daraus etwas Neues formte.

Analoge Synthesizer.

Kalte Drumcomputer.

Disco.

New Wave.

Punk.

Sex.

Künstlichkeit.

Und eine gehörige Portion Größenwahn.

Was später unter dem Begriff Electroclash international bekannt wurde, hatte bei Gigolo eine seiner wichtigsten Keimzellen. DJ Hell war dabei nicht nur Labelchef und Musiker, sondern Kurator eines ästhetischen Gesamtentwurfs. Er brachte Künstler zusammen, die elektronische Musik nicht als funktionale Tanzflächenware betrachteten, sondern als Verbindung aus Klang, Körper, Mode, Bildsprache und Provokation.

Auf dem Label erschienen Künstler wie Miss Kittin & The Hacker, Tiga, Fischerspooner, Dopplereffekt, The Advent, Chris Korda, Vitalic, Princess Superstar, DJ Hell selbst und viele weitere Grenzgänger der elektronischen Musik. Besonders Vitalics 2001 veröffentlichte „Poney EP“ mit „La Rock 01“ entwickelte sich zu einem der prägenden Club-Releases dieser Phase.

„Freak Show“ hält diese Zeit fest, bevor ihre Ästhetik vollständig von Modehäusern, Werbeagenturen, Großraumclubs und dem internationalen Popbetrieb aufgesogen wurde.

Hier ist alles noch ein wenig schmutziger.

Ein wenig gefährlicher.

Und vor allem weniger berechenbar.

DJ Hell als Zeremonienmeister

Im Zentrum steht DJ Hell – Helmut Geier –, der durch den Film nicht wie ein gewöhnlicher Geschäftsführer oder Labelmanager führt.

Er erscheint vielmehr als Zeremonienmeister eines selbst erschaffenen Paralleluniversums.

Hell verstand früh, dass ein Label mehr sein kann als eine Veröffentlichungsplattform. Gigolo Records besaß eine erkennbare Sprache: musikalisch, visuell und körperlich. Plattencover, Logos, Kleidung, Künstlerinszenierungen und Veranstaltungen wirkten wie Bestandteile eines großen, fortlaufenden Kunstwerks.

Selbst der Name International Deejay Gigolo Records war eine Kampfansage an die biedere Vorstellung davon, wie ernsthafte elektronische Musik auszusehen hatte.

Gigolo durfte elegant sein.

Gigolo durfte billig wirken.

Gigolo durfte schwul, hetero, androgyn, künstlich, intellektuell, körperlich und geschmacklos zugleich erscheinen.

Gerade deshalb war es so schwer zu kopieren.

Andere konnten den Sound übernehmen.

Aber nicht ohne Weiteres die Haltung.

Die 150. Veröffentlichung wurde zum Film

„Freak Show – The Real Gigolo History Movie“ erschien im September 2005 als DVD und markierte die 150. Veröffentlichung des Labels. Für frühere Jubiläumsnummern hatte Gigolo ebenfalls ungewöhnliche Formate gewählt: Zur Nummer 50 erschien ein Buch, zur Nummer 100 Unterwäsche von Agent Provocateur. Die erste Label-DVD setzte diese Logik konsequent fort.

Regie führte Angelika Lepper, geschnitten wurde der Film von Matthias Dörfler, als Produzent wird DJ Hell geführt. Musikalisch und stilistisch bewegt sich die Veröffentlichung zwischen Techno, Electro, Synth-Pop, House, Experimental und Disco.

Allein diese Entstehungsgeschichte zeigt, wie wenig Interesse Gigolo daran hatte, gewöhnliche Jubiläumsprodukte zu veröffentlichen.

Andere Labels bringen eine Best-of-Compilation heraus.

Gigolo bringt Unterwäsche und einen vollkommen überdrehten Geschichtsfilm.

Es wäre enttäuschend gewesen, wenn es anders gekommen wäre.

Schön, hässlich, chaotisch und vollkommen lebendig

Aus heutiger Perspektive wirkt „Freak Show“ an einigen Stellen roh, amateurhaft oder schwer nachvollziehbar. Die Bilder besitzen nicht die sterile Schärfe moderner Streamingproduktionen. Die Handlung folgt nicht immer einer erkennbaren Dramaturgie. Menschen tauchen auf, verschwinden wieder, sagen merkwürdige Dinge und hinterlassen mehr Fragen als Antworten.

Aber vielleicht ist genau das die ehrlichste Form, diese Geschichte zu erzählen.

Denn Clubkultur war nie sauber.

Sie war nie vollständig dokumentiert.

Ihre wichtigsten Momente fanden häufig dann statt, wenn niemand wusste, dass sie später einmal wichtig sein würden.

Zwischen schlechten Lichtverhältnissen, übersteuerten Kameramikrofonen und verwackelten Aufnahmen entsteht deshalb etwas, das eine nachträglich perfektionierte Dokumentation kaum herstellen könnte:

Gegenwart.

Man sieht keine Menschen, die sich an eine große historische Bewegung erinnern.

Man sieht Menschen, die noch mittendrin stecken.

Eine Freak Show im besten Sinne

Der Titel des Films ist keine zufällige Provokation.

Gigolo Records versammelte Künstler, die nicht in die gewöhnlichen Erzählungen elektronischer Musik passten. Zu glamourös für den puristischen Technokeller. Zu hart für den Pop. Zu ironisch für das traditionelle Kunstverständnis. Zu ernsthaft, um nur als modischer Scherz abgetan zu werden.

Diese Menschen waren Freaks, weil sie sich nicht auf eine einzige Rolle reduzieren ließen.

Und weil sie in ihrer Andersartigkeit etwas Gemeinsames fanden.

„Freak Show“ erzählt deshalb nicht bloß die Geschichte eines Labels. Der Film zeigt, wie Subkultur entstehen kann: Eine Person hat eine Idee. Weitere ungewöhnliche Menschen erkennen sich darin wieder. Plötzlich existiert ein Raum, in dem genau das, was außerhalb als seltsam gilt, zur verbindenden Kraft wird.

Aus Außenseitern wird eine Szene.

Aus einer Szene wird eine Bewegung.

Und irgendwann versucht die Welt da draußen, sich genauso anzuziehen.

Mehr Zeitkapsel als klassische Dokumentation

Wer eine lückenlose Chronik von International Deejay Gigolo Records erwartet, wird mit diesem Film möglicherweise Schwierigkeiten haben.

„Freak Show“ liefert keine vollständige Diskografie. Keine übersichtlichen Jahreszahlen. Keine sauber eingeordneten Kapitel. Der Film erklärt nicht jedes Gesicht und jede Situation.

Er wirft uns hinein.

Das macht ihn gelegentlich verwirrend, aber auch besonders wertvoll.

Denn die Geschichte elektronischer Musik besteht nicht nur aus technischen Innovationen, Chartplatzierungen und berühmten Clubs. Sie besteht ebenso aus Blicken, Kleidung, Körperhaltung, schlechten Witzen, übermüdeten Gesprächen, bizarren Auftritten und jenen kurzen Momenten, in denen eine Gruppe von Menschen davon überzeugt ist, gemeinsam etwas völlig Neues zu erschaffen.

Ob das damals immer tatsächlich neu war, spielt fast keine Rolle.

Entscheidend ist, dass es sich so anfühlte.

Heute fast noch wichtiger als 2005

Mehr als zwei Jahrzehnte nach der Veröffentlichung wirkt „Freak Show“ wie eine Erinnerung an eine Zeit, in der elektronische Musik noch stärker von klar erkennbaren Szenen, Labels und ästhetischen Handschriften geprägt wurde.

Heute erscheinen täglich unzählige Tracks auf Plattformen, deren Oberfläche jede Veröffentlichung zunächst gleich aussehen lässt. Cover werden auf Briefmarkengröße reduziert, Musik in algorithmische Kategorien sortiert und Künstler dazu gedrängt, sich permanent als verwertbarer Content zu präsentieren.

Gigolo Records stand für das Gegenteil.

Man musste nicht jedem gefallen.

Man musste erkennbar sein.

Der Film zeigt, dass Identität nicht aus einem durchformulierten Marketingkonzept entsteht. Sie entsteht aus Konsequenz, Geschmack, Risiko und manchmal auch aus schlechten Entscheidungen, die zumindest niemand anderes getroffen hätte.

Das Ergebnis kann chaotisch sein.

Aber es lebt.

Unser Fazit

„Freak Show – The Real Gigolo History Movie“ ist kein perfekter Musikfilm. Und genau deshalb ist er vermutlich der perfekte Film über International Deejay Gigolo Records.

Er ist roh, glamourös, kaputt, witzig, anstrengend, musikalisch großartig und stellenweise vollkommen wahnsinnig. Eine Zeitkapsel aus einer Phase, in der Electro, Techno, New Wave, Disco und Punk nicht einfach nebeneinanderstanden, sondern aufeinander losgelassen wurden.

Wer verstehen möchte, weshalb Gigolo Records weit mehr als ein gewöhnliches Techno-Label war, findet hier keine abschließende Erklärung.

Aber ein Gefühl.

Das Gefühl einer Szene, die nicht darauf wartete, akzeptiert zu werden.

Einer Künstlerfamilie, die ihre Außenseiterrolle nicht überwinden wollte.

Und einer Zeit, in der der Freak nicht zur Zielgruppe erklärt wurde.

Er übernahm einfach selbst den Laden.

HIGH, FREEKS!


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