Kolumne No. 9 (oct2011)

Casper rockt Charts-Platz 1

Portrait: Vom „Emo-Rapper“ zum Rocker? –
Oder: Die vielen bunten Facetten eines deutschen Spitzen-Musikers

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CASPER’S CHART-ERFOLG

DISKUSSIONEN IN DER RAP-SZENE

REZENSION DES ALBUMS

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C A S P E R ’ S  C H A R T  –  E R F O L G  

Wie ein Paukenschlag: Rapper Casper stieg im Juli 2011 sensationell von 0 auf 1 der deutschen LP-Charts mit seinem aktuellen Album „XoXo“. Alle waren saumäßig überrascht: Fans, Hater, Musik-Kritiker, Rap-Kollegen – und nicht zuletzt Caspers Band, das Management; sein Label sowie der 29-jährige selbst.

http://www.youtube.com/watch?v=iybDeTHSJ_U
(Casper im Interview für ein Schweizer Magazin: „Als es dann rauskam, da war’s einfach absurd!“)

Casper ist einer der kontroversesten, einer der umstrittensten und gleichzeitig musikalisch vielfältigsten HipHop-Akteure in unserem schönen Lande. Obwohl seine Nummer1-Platte erst das zweite richtige Album von Casper ist, hat er schon seit 2003 umtriebig in Sachen Rap und bei zahlreichen EPs, Rap-Collabos und Mixtapes mitgewirkt. Ebenso zog er seit Jahren von Label zu Label, war u. a. bei Selfmade Records aktiv. Seit einem Jahr steht Casper nun bei Four Music, der Plattenfirma der Fantastischen Vier unter Vertrag – deren Leitung sich natürlich auch wahnsinnig über den Charterfolg des „Neuen“ gefreut haben muss. Und Casper meint sinngemäß, dass es nun endlich geklappt habe: Zum allerersten Mal müsse er heute nicht  mehr bereits nach seiner ersten Veröffentlichung den neuen Labelbossen den finanziellen Flop erklären und zukünftigen Erfolg versprechen.
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D I S K U S S I O N E N   I N  D E R  R A P S Z E N E

Die deutsche HipHop-Szene nimmt Casper recht widersprüchlich wahr. Für die Einen ist er genial, für die anderen ein nichtssagender Pseudo-Rapper. Mir persönlich kam Casper erstmalig 2009 zu Ohren, beim Über-Track von Selfmade-Records-Hausproduzent Rizbo: „Mittelfinger Hoch“, Casper gemeinsam mit Deutschlands Rap-Größen Favorite und Kollegah. Hier brandete ein knallharter, dreckiger und punk-mäßiger Casper-Rap über neuzeitlich-elektronische Beats in meine Gehörgänge. Mein guter Freund und Musikkenner Reno kommentierte sofort: „Mensch, der klingt mit seiner verrauchten Stimme ja schon wie so‘n Punker!“ Recht hatte er. Bereits damals wusste ich, dass Casper nebenbei noch in einer Punk-Band sang. Mein Interesse für diesen mehrdimensionalen Künstler war geweckt und mein voreiliges subjektives Fazit über Casper schien damals klar: Hardcore-Rapper, der nebenbei noch Rockmusik macht.

Doch dieses Schubladen-Denken funktionierte nicht, wie Denken in Schablonen nie aufgeht.  Natürlich hat Casper jede Menge aggressive Rap-Tracks gemacht (so z. B. mit Montana Max oder Shiml). Aber eben auch jede Menge Storytelling-Raps mit Tiefgang abgeliefert (z. B. mit Prinz Pi oder Abroo) – wie ich später herausfinden sollte. Für mich als traditionell offenen, genre-überfliegenden Musikfreund war die Integration Caspers in so unterschiedliche Bereiche kein Thema. Für eine Vielzahl von deutschen Rap-Fans war diese scheinbare Paradoxie jedoch der Aufhänger, Casper als „Emo-Rapper“ zu bezeichnen. Auf diesen Zug sprang auch Fler in einem Gespräch mit Visa Vie von 16bars.de auf.

http://www.youtube.com/watch?v=6jHbHDsie4Q
(Fler disst Casper)

Vielen eher eindimensionalen Rapfreunden passt nicht das  „Image“, das sie in ihren Köpfen von Casper haben: Einerseits seine total brutalen Rap-Parts, scheinbar konträr dazu sein total freundlich- sympathisches Auftreten bei Interviews – und dazu hin und wieder Raps über die großen Fragen des Lebens. Ein weiteres Beispiel dafür, wie das Zu-Wichtig-Nehmen von gedanklichen Konzeptionen die individuelle Wahrnehmung der Welt beeinflussen kann:

„Hä?? Erst harter Rap, dann Emo, jetzt Rock? Casper geht ja mal gaaar nicht!“ – wäre eine Variante von zu starrer, negativer Interpretation.

Eine positive Sicht der gleichen Sache klingt so: „Wow! Geht ab, der kann ja alles, das Casperlein! Und rockt deshalb auch die Charts so fein!“
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R E Z E N S I O N  D E S  A L B U M S

Grade mit seinem neuen Sensations-Werk „XoXo“ wollte Casper ja Musik-Grenzen überschreiten, aufbrechen und neue Möglichkeiten der Verbindung zwischen Rap und Rock ausloten, wie der Fan von Arminia Bielefeld im Vorfeld des Albums mehrfach angekündigt hatte. Der kurzzeitige Pädagogik-Student Casper betonte immer wieder, er wolle mit seiner Band keinen herkömmlichen Cross-Over, sondern etwas völlig Neues machen.

http://www.youtube.com/watch?v=zwdYlqTvYxM
(Casper im Interview mit RapSpotTV beim SPLASH 2010 in Ferropolis)

Meiner Meinung nach ist Casper das Aufbrechen musikalischer Schranken allemal und sehr überzeugend gelungen. Die meisten Tracks auf „XoXo“ zeichnen sich durch eine Power aus, die sowohl mitreißen, zum Tanzen oder zum Nachdenken anregen kann – und Elemente aus Rap, Rock, Punk, Electro, Synth-Rock und Techno stilsicher und kohärent vereint. Einige Kommentatoren ordnen Casper bereits einer „neuen Generation von Künstlern“ zu.

ZEIT-Journalist Thomas Winkler schrieb: XOXO ist tatsächlich ein Befreiungsschlag, der dem Sprechgesang neue Regionen erschließt, indem er altes Lagerdenken konsequent ignoriert.“

Natürlich bleibt der Musikstil Caspers eine persönliche Geschmackssache. In meinem Umfeld mag nicht jeder diesen Stil. Hier vornehmlich die Leutz, die mit Rap eher nix am Hut haben. Nicht wahr, Sensorik-Man? Muss man halt verstehen. Hier nun meine ganz subjektive Bewertung des Albums: Mein persönlicher Favorit auf der Platte ist Auf und Davon: Ein Mammut-Werk, ein Riesen-Ding mit Chören, rockigen Gitarren und treibendem Beat. Dazu der deepe Rap von Casper zum Alltagsleben aus philosophischer Sicht: „Alltag ist Treibsand, du steigst ab, je stärker du trittst.“ Finde die Album-Version der Single-Auskopplung So Perfekt (feat. Marteria) nicht so prall, sondern den Radio Edit viel geiler. Die Single ist für mich bisher eine der besten Connections zwischen Rock, Rap und glasklaren Techno überhaupt. Zuerst ein sehr verspielter Break über einen drallen Layer. Casper beginnt zu flowen, im Hintergrund fetzen die Gitarren-Riffs. Dann der Refrain: „Du strahlst, Du scheinst!“ – unterlegt von einem sauberen 4/4-Megabeat. Als Highlight dann der „so perfekte“ E-Gitarren-Tune. Wieder Break, Neuanfang. Oh Yeah! Das Grizzly Lied überzeugt nicht nur durch coole Lyrics, sondern brennt auch musikalisch einiges ab. Ganz ehrlich: Erinnerungen an Autechre und AFX kamen auf, als ich das Stück erstmalig vernahm. Wie es beginnt, mit dieser verträumten Synthie-Line. Dann ein sagenhafter Aufbau wie aus dem Lehrbuch. Darüber die animierende Rock-Stimme Caspers, die autobiografische Einblicke aus seinen Kindertagen in Amerika vermittelt. Von Kontrolle/Schlaf gibt es 2 Versionen, beide sind extrem geil und bereits jetzt als zeitlose Meisterwerke zu bezeichnen. Die Album-Version mutet elektronischer an, der Hammer sind natürlich die (digitalen oder analogen?) Violinen-Strings, die anstelle eines gesungenen Chorus das Lied auf höhere Sphären heben. Die auf Youtube zu findende live eingespielte Proberaum-Version fokussiert mehr auf die rockigen Gitarren-Arrangements und lässt sich mehr Zeit für die Dramaturgie.

Wie bei fast jedem Album, gibt es natürlich auch schwache Lieder. Persönlich konnte ich am wenigsten mit folgenden Tracks anfangen:  Was bei anderen Albumtiteln noch funktioniert, verliert sich bei 230409 nur noch in einer Endlosschleife aus lahmen Beats und langwierigen Raps. Das Stück scheint mir etwas zu uninspiriert. Blut sehen zeigt wieder den brutal stylenden Casper. Dreckige, düstere Beats und aggressive Raps gibt’s hier. Produktionstechnisch natürlich gut gemacht, aber reißt mich nicht mit.Meine Freundin hat grad bemerkt, dass sie den Song XoXo (feat. Tomte-Sänger Thees Uhlmann) feiert. Na ja, nach mehrmaligem Hören geht er schon gut ab – und hat immerhin einen kurzen geilen Electro-Part am Ende anzubieten.  Insgesamt gesehen jedoch überzeugt Caspers No. 1 Album voll und trotzt allen Kritiken – und stand damit zu Recht auf dem Thron der deutschen Charts im Sommer.

„Der Sinn des Lebens ist Leben, das war‘s.“
(Casper)

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von A. Boos (DiSTrActeD B)

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Auf zu den Quellen:

http://rock.ednetz.de/kuenstler/casper.html
(Kurze Casper-Biografie)

http://www.youtube.com/watch?v=iybDeTHSJ_U
(Casper Interview 1)

http://www.youtube.com/watch?v=zwdYlqTvYxM
(Casper Interview 2)

http://www.youtube.com/watch?v=6jHbHDsie4Q
(Fler disst Casper)

http://vimeo.com/26510897
Casper – Auf und Davon (Album Version)

http://www.youtube.com/watch?v=RSGWw-WhY8o
Casper – Kontrolle/Schlaf (Proberaum Edition)

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