DE9 ist nach 25 Jahren wieder eine Maschine.
Es gibt DJ-Mixe, die einen Sommer überleben. Es gibt Mix-CDs, die irgendwann als Zeitkapsel im Regal stehen. Und dann gibt es Arbeiten, bei denen man ein Vierteljahrhundert später feststellt, dass die Technik inzwischen zwar komplett weitergezogen ist, die dahinterliegende Idee aber noch immer ziemlich futuristisch wirkt. Richie Hawtins DE9 | Closer to the Edit gehört genau in diese letzte Kategorie. 2001 nahm Hawtin nicht einfach zwei Platten, ließ sie sauber ineinanderlaufen und dokumentierte damit den damaligen Stand seines Plattenkoffers. Er behandelte fertige Tracks vielmehr wie Rohmaterial. Mehr als 100 Stücke wurden aufgenommen, gesampelt, zerschnitten und auf ihre elementaren Bestandteile reduziert. Daraus entstanden mehr als 300 Loops, teilweise nur eine einzelne Note lang, teilweise bis zu vier Takte. Aus diesen Fragmenten setzte Hawtin anschließend eine rund 53-minütige Konstruktion zusammen, in der die klassische Vorstellung von Track, Übergang und Mix zunehmend verschwindet. Heute klingt dieser Workflow fast banal. Clips schneiden, Warping, Loops synchronisieren, Fragmente layern, Effekte automatisieren, Stems zerlegen und alles irgendwo zwischen DJ-Software und DAW wieder zusammensetzen. 2001 war das eine andere Nummer. Genau deshalb ist Closer to the Edit weniger interessant als nostalgisches Minimal-Techno-Dokument, sondern als Moment, in dem sich die Rolle des DJs grundsätzlich verschob.
Der Track war plötzlich nicht mehr die kleinste Einheit
Der entscheidende Gedanke hinter DE9 ist eigentlich simpel: Warum sollte ein DJ einen veröffentlichten Track als unveränderbare Einheit akzeptieren? Hawtin nahm sich Bassdrums, Percussions, minimale Sequenzen, Texturen und einzelne rhythmische Informationen und behandelte sie wie Bauteile. Musik wurde zum Baukasten. Quellen von Künstlern wie Akufen, Jacek Sienkiewicz, Theorem, Stewart Walker, 2 Dollar Egg oder Hawtins eigenem Plastikman-Projekt tauchen auf, verschwinden wieder und werden teilweise so weit fragmentiert, dass die ursprüngliche Aufnahme kaum noch als eigenständiger Track wahrgenommen wird. Der Mix besitzt 31 Indexpunkte, funktioniert musikalisch aber als zusammenhängende Konstruktion. Die entscheidende Frage lautet deshalb irgendwann nicht mehr: „Welcher Track läuft gerade?“ Interessanter ist: „Was hat Hawtin aus all diesen Tracks gebaut?“ Genau dort wird aus klassischem Mixing etwas, das sich Remix, Live-Editing und Produktion annähert. Hawtin selbst beschrieb den Prozess damals sinngemäß als ein Audio-Puzzle. Die einzelnen Stücke wurden zerlegt und anschließend mit Edits und Effekten wieder miteinander verklebt. Damit wurde eine Entwicklung hörbar, die heute selbstverständlich erscheint: Der DJ muss nicht nur Kurator fertiger Musik sein. Er kann vorhandenes Material während des Mixprozesses selbst zur musikalischen Sprache machen.
Noch radikaler wurde diese Idee mit DE9 | Closer to the Edit (Parts). Statt dem Hörer einfach eine weitere lineare Version des Mixes vorzusetzen, erschienen 120 Fragmente als sogenannte Locked Grooves auf einer Doppel-LP. Bei einem normalen Vinyl zieht die Rille die Nadel kontinuierlich Richtung Plattenmitte. Ein Locked Groove schließt sich dagegen selbst. Die Nadel bleibt in derselben Rille und der Loop läuft theoretisch endlos weiter, bis jemand eingreift. Aus einem Tonträger wird damit ein Werkzeug. Man hört nicht nur Hawtins fertiges Ergebnis, sondern bekommt einen Teil des Materials in die Hand, aus dem dieses Ergebnis entstanden ist. Das ist ein ziemlich schöner analoger Hack: Die mechanische Eigenschaft einer Schallplatte wird zur Benutzeroberfläche. Kein Play-Button, kein Grid, kein Touchscreen. Nadel drauf und der Loop läuft. Genau diese Parts-Ausgabe mit ihren 120 Grooves bildet nun die Grundlage für ein Projekt, das 25 Jahre später ziemlich elegant den Kreis schließt.
120 Locked Grooves wandern in den Browser
Der niederländische Designer Merijn Straathof hat zum 25-jährigen Jubiläum mit DE9 Parts ein inoffizielles und nicht kommerzielles Browser-Instrument gebaut. Bemerkenswert ist dabei, dass er offenbar nicht einfach auf irgendwo herumliegende digitale Stems zurückgriff. Straathof nahm die 120 Loops der Parts-Vinyl auf, bearbeitete und timte sie in Ableton und überführte sie anschließend in eine interaktive Oberfläche. Dort lassen sich die Fragmente starten, kombinieren und neu arrangieren, das Tempo verändern und Effekte einsetzen. Selbst MIDI-Steuerung ist vorgesehen. Wer einen Controller anschließt, betrachtet also keine digitale Ausstellung über ein wichtiges Album der Techno-Geschichte. Er kann tatsächlich damit spielen. Das Projekt versucht dabei gar nicht, Hawtins ursprünglichen Mix im Browser möglichst originalgetreu nachzubauen. Spannender ist das Gegenteil: Die Einzelteile werden erneut freigegeben. 2001 wurde aus über 300 Fragmenten Hawtins Interpretation. Die 120 auf Vinyl veröffentlichten Locked Grooves wurden anschließend zu Werkzeugen für andere DJs. 2026 werden genau diese Werkzeuge digitalisiert und erneut zu einem Instrument. Das Medium wechselt von Vinyl zu Browser und MIDI-Controller, das Prinzip bleibt erstaunlich unangetastet.
Und vielleicht liegt genau darin der Grund, weshalb Closer to the Edit heute noch funktioniert. Die Platte versuchte nicht einfach vorherzusagen, welche DJ-Technik 25 Jahre später benutzt werden würde. Natürlich sind Rechner schneller geworden, Ableton und andere DAWs gehören längst zum Produktionsalltag und moderne DJ-Systeme analysieren Tracks, synchronisieren Tempi und zerlegen Musik teilweise per Stems beinahe auf Knopfdruck. Hawtin selbst arbeitete später intensiv mit Ableton und beschrieb für seine DE9: Transitions-Phase ein Setup mit hunderten Tracks und umfangreicher Manipulation des Materials. Entscheidend an Closer to the Edit war deshalb weniger eine einzelne Maschine als die Denkweise dahinter. Sobald ein Track digital vorliegt, muss er nicht mehr das Ende eines Produktionsprozesses sein. Er kann der Anfang eines neuen werden. Kick, Bass, Noise, Groove, Mikrofragment. Zerlegen, neu kombinieren, verändern. Genau das ist heute tief in elektronischer Musik verankert.
25 Jahre später braucht es dafür nicht einmal mehr eine besondere Veröffentlichung oder exotische Hardware. Ein Browser reicht. Das könnte man als banale Digitalisierung eines alten Tonträgers abtun. Tatsächlich steckt darin aber eine ziemlich passende Fortsetzung der ursprünglichen Idee. Denn DE9 war nie nur eine Sammlung guter Minimal-Techno-Platten. Es ging darum, Musik nicht ehrfürchtig als abgeschlossenes Objekt zu betrachten. Hawtin öffnete die Tracks, zerlegte sie und machte aus ihren Resten etwas Eigenes. Straathof öffnet nun wiederum einen Teil dieses Materials und gibt ihn zurück an die Nutzer. Die vielleicht schönste Art, ein elektronisches Album nach 25 Jahren zu feiern, ist deshalb nicht die nächste Deluxe-Box mit Hochglanzbuch und irgendeiner nummerierten Sonderfarbe auf Vinyl. Sondern ein Instrument, bei dem man selbst wieder Hand anlegen darf. Closer to the Edit? 2026 sind wir wieder ziemlich nah dran.


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