Windowlicker. Der schönste Mittelfinger der Musikvideo-Geschichte wird 20.

Manchmal reichen drei Minuten für ein Musikvideo. Aphex Twin und Chris Cunningham brauchten für Windowlicker über zehn. Und selbst nach zwanzig Jahren fühlt sich keine davon überflüssig an. Am 22. März 1999 erschien Windowlicker bei Warp Records. Die Single selbst war schon eine herrlich perverse Mischung aus elektronischem Pop, Sounddesign, Sex, Glitch und Richard-D.-James-Wahnsinn. Das Video machte daraus endgültig ein Kunstwerk.

Es beginnt wie eine bewusst überzeichnete amerikanische Gangsta-Rap-Promo. Los Angeles, Cabrio, Frauen, Machogehabe, endlose Dialoge. Dann fährt eine absurd lange Limousine ins Bild und Richard D. James steigt aus wie eine Kreuzung aus Zuhälter, Alien und Michael Jackson. Was danach passiert, gehört zu jenen Dingen, die man besser sieht, als sie erklären zu wollen. Cunninghams Video zerlegt die Hochglanzästhetik der damaligen Hip-Hop- und R&B-Clips, übernimmt sämtliche Statussymbole und deformiert sie anschließend so lange, bis aus Sexyness Body Horror wird.

Chris Cunningham war zu diesem Zeitpunkt längst einer der spannendsten Musikvideo-Regisseure seiner Generation. Nach Come to Daddy hatte er unter anderem Come on My Selector für Squarepusher und Madonnas Frozen realisiert. Im selben Jahr wie Windowlicker entstand außerdem sein legendäres Video zu Björks All Is Full of Love. Cunningham arbeitete nicht wie jemand, der Songs illustriert. Er baute kleine Filme mit eigener Logik, eigener Welt und einer ziemlich speziellen Vorstellung davon, was ein menschlicher Körper alles aushalten sollte.

Windowlicker wurde anschließend mehrfach ausgezeichnet und nominiert. Bei den D&AD Awards 2000 gab es Gold für Regie und Editing, außerdem war der Clip bei den BRIT Awards als Best British Video nominiert. Der Song selbst gewann beim NME Award den Titel Single of the Year. Pitchfork nahm auch Windowlicker später unter die herausragenden Videos der 1990er auf und hob gerade die Mischung aus Parodie, grotesker Selbstvermarktung, Limousine, Tanzroutine und allgegenwärtigem Aphex-Grinsen hervor.

Und dann ist da noch dieser eine Moment. Richard D. James steigt aus der Limousine und tanzt. Nicht ironisch genug, um bloß Parodie zu sein. Nicht ernst genug, um Popstar zu spielen. Genau in dieser Zwischenzone lebt Aphex Twin sowieso am liebsten.

Zwanzig Jahre später ist Windowlicker noch immer lustig, widerlich, sexy, albern, technisch brillant und vollkommen unverwechselbar.

Vielleicht ist es nicht das beste Musikvideo aller Zeiten.

Aber wenn jemand behauptet, es sei das beste, fällt mir spontan auch kein besonders gutes Gegenargument ein.


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