Rubber Johnny im Rollstuhl in einer dunklen Kellerkulisse. Hommage an Chris Cunninghams experimentellen Kurzfilm mit Musik von Aphex Twin.

Rubber Johnny. 20 Jahre später ist der Keller immer noch nicht bereit für uns

Es gibt Musikvideos, die altern. Es gibt Musikvideos, die irgendwann aussehen wie die Epoche, aus der sie stammen. Und dann gibt es Rubber Johnny. Dieses sechs Minuten lange Stück audiovisueller Kontrollverlust von Chris Cunningham und Aphex Twin, das auch zwei Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung noch wirkt, als hätte jemand etwas gefunden, das eigentlich nie für menschliche Augen bestimmt war. Kein klassischer Musikclip. Kein Kurzfilm im üblichen Sinn. Eher ein beschädigtes Datenfragment aus einem Keller, in dem Evolution, Rave, Körperhorror und digitale Bildmanipulation eine ausgesprochen ungesunde Beziehung miteinander begonnen haben. Cunningham veröffentlichte Rubber Johnny 2005 über Warp als DVD zusammen mit einem Buch voller Fotografien und Zeichnungen. Gedreht wurde größtenteils schon zwischen 2001 und 2004, mit DV-Kamera, Infrarot- beziehungsweise Night-Vision-Ästhetik und für heutige Verhältnisse geradezu absurd überschaubaren Mitteln. Cunningham arbeitete über Jahre immer wieder daran, teilweise nur mit drei oder vier Freunden. Allein der Schnitt soll ungefähr sechs Monate verschlungen haben.

Und dann sitzt da Johnny.

Rollstuhl. Riesiger Kopf. Keller. Chihuahua. Dunkelheit.

Mehr braucht Chris Cunningham nicht.

Was danach passiert, lässt sich zwar beschreiben, aber kaum vernünftig erklären. Johnny zuckt, deformiert sich, rast durch Bewegungen, sein Körper scheint mit dem Beat zu kollidieren, das Gesicht wird zur elastischen Oberfläche und irgendwann zerfällt jede sichere Grenze zwischen Mensch, Maschine, Mutation und visueller Halluzination. Das Ganze läuft zu „Afx237 v7“ von Aphex Twin, einem Track vom 2001 erschienenen Album drukqs. Genau daraus entstand überhaupt die Idee. Cunningham beschrieb später, dass er sich beim Hören der Musik regelrecht in deren Welt hineinbegeben habe. Der Track habe für ihn einen bestimmten Grad von Hysterie ausgestrahlt, den er visuell einfangen wollte. Ursprünglich sollte daraus offenbar lediglich ein rund 30 Sekunden langer TV-Spot für drukqs entstehen. Dann tat Cunningham das, was Cunningham eben macht: Er hörte nicht auf.

Das Ergebnis ist interessant, weil Rubber Johnny gleichzeitig unfassbar künstlich und unangenehm körperlich wirkt. Genau darin liegt auch zwanzig Jahre später seine eigentliche Kraft. Heute leben wir in einer Welt, in der sich Gesichter innerhalb von Sekunden austauschen lassen, Menschen in KI-Videos Bewegungen ausführen, die nie stattgefunden haben, Körper synthetisch verlängert, verformt oder vollständig neu generiert werden und wir langsam lernen müssen, unseren eigenen Augen nicht mehr automatisch zu vertrauen. 2005 gab es diesen kulturellen Alltag noch nicht. Cunningham brauchte Masken, Make-up, Prothesen, Kameraarbeit, Schnitt, Performance und digitale Nachbearbeitung, um einen Körper zu erschaffen, dessen physikalische Regeln sich auflösen. Heute können generative Systeme ähnliche Irritationen auf Knopfdruck produzieren. Und trotzdem sieht ein großer Teil davon erstaunlich belanglos aus. Rubber Johnny dagegen besitzt etwas, das sich nicht prompten lässt: eine Idee.

Das ist vielleicht der entscheidende Unterschied.

Cunningham benutzt Technik nicht, um zu demonstrieren, was Technik kann. Er benutzt Technik, um ein Gefühl zu erzeugen. Die Verzerrung hat Rhythmus. Die Hässlichkeit hat Timing. Jeder epileptische Schnitt hängt an der Musik. Johnny tanzt nicht einfach zu Aphex Twin. Für einige Momente sieht es aus, als wäre der Körper selbst vom Track programmiert worden. Kick, Glitch und Percussion werden Muskeln. Frequenzen werden Bewegungen. Der Breakbeat übernimmt das Nervensystem. Wer elektronische Musik einmal auf einem Floor erlebt hat, auf dem nach sechs Stunden sämtliche zivilisatorischen Bewegungsmuster verschwunden sind, erkennt darin vielleicht sogar etwas überraschend Vertrautes. Cunningham zufolge begann die Grundidee tatsächlich mit der Vorstellung eines Ravers, dessen Körper sich beim Tanzen verändert. Irgendwann wurde daraus dieses Wesen im Keller.

Und natürlich ist das grotesk. Natürlich ist es infantil. Natürlich ist es komplett drüber. Johnny zieht eine absurd lange Line, der Chihuahua bekommt seinen ganz persönlichen Albtraum und Cunningham interessiert sich sichtbar keinen Millimeter dafür, ob irgendjemand das geschmackvoll findet. Genau dadurch besitzt der Film diesen seltenen anarchischen Humor, der bei oberflächlicher Betrachtung gerne übersehen wird. Rubber Johnny ist verstörend, aber es nimmt seine eigene Verstörung nicht ehrfürchtig ernst. Unter all dem Body Horror steckt Slapstick. Unter dem industriellen Albtraum steckt ein völlig überdrehter Cartoon. Cunningham selbst spielte Johnny und beschrieb die Dreharbeiten später keineswegs als glamourösen Autorenfilm-Moment. Die Kopfprothese brauchte etwa eine Stunde zum Ankleben, die Arbeit im Rollstuhl war schwierig, Regie und Performance gleichzeitig waren miserable Voraussetzungen und Teile des Materials entstanden nachts im winterlichen London. Mehrere Minuten fertig geschnittenes Material wurden am Ende sogar verworfen, weil die Postproduktion noch einmal enorme Arbeit bedeutet hätte.

Das macht Rubber Johnny rückblickend beinahe noch schöner. Nicht weil das Ergebnis schön wäre. Gott bewahre. Sondern weil hier jemand dreieinhalb Jahre lang an Wochenenden an einem vollkommen wahnsinnigen kleinen Film herumgeschraubt hat, obwohl wahrscheinlich kein normal funktionierender Mensch Bedarf an einem deformierten Keller-Raver mit Chihuahua angemeldet hatte. Das ist Kunst in einer ziemlich reinen Form: Niemand hat danach gefragt, wirtschaftlich zwingend notwendig war es vermutlich auch nicht und trotzdem musste dieses Ding offenbar existieren.

Dabei war Cunningham längst kein unbekannter Irrer mit Videokamera. Mit Aphex Twins „Come to Daddy“, „Windowlicker“ und Björks „All Is Full of Love“ hatte er bereits einige der radikalsten Musikvideos seiner Generation geschaffen. Sein Stil war längst erkennbar: Körper sind bei ihm nie zuverlässig. Gesichter erst recht nicht. Menschen werden Maschinen, Maschinen bekommen Sexualität, Schönheit kippt in Unbehagen und das Groteske bekommt plötzlich etwas merkwürdig Elegantes. Rubber Johnny wirkt wie die maximal verdichtete Cunningham-Dosis. Keine Bandperformance, keine erzählerische Ausrede, kaum Außenwelt. Nur Körper, Rhythmus, Dunkelheit und Mutation. Selbst Filmemacherin Floria Sigismondi führte das Werk Jahre später unter ihren liebsten Musikvideos überhaupt.

Vielleicht deshalb fühlt sich der Film heute sogar aktueller an als 2005. Wir bewegen uns gerade mit erstaunlichem Tempo in eine Medienwelt hinein, in der der menschliche Körper nur noch Ausgangsmaterial ist. Gesichter sind Parameter. Stimmen sind Modelle. Bewegungen können synthetisiert werden. Identitäten werden kopiert. Realität wird editierbar. Und irgendwo in diesem ganzen hochglänzenden AI-Slop sitzt Rubber Johnny im Keller und lacht sich wahrscheinlich seinen deformierten Schädel ab.

Denn Cunningham hatte vor zwanzig Jahren bereits verstanden, was viele aktuelle KI-Demos vergessen: Das technisch Unmögliche ist noch lange nicht interessant.

Interessant wird es erst, wenn jemand damit eine Welt erschafft.

Rubber Johnny erschafft eine solche Welt in wenigen Minuten. Man möchte nicht dort wohnen. Man möchte wahrscheinlich nicht einmal wissen, was sich hinter der nächsten Kellertür befindet. Aber man vergisst sie nicht wieder.

Zwanzig Jahre später haben sich Bildtechnik, CGI und inzwischen generative KI absurd weit entwickelt. Wir können künstliche Menschen erschaffen, komplette Filmsequenzen generieren und Realität so überzeugend manipulieren wie niemals zuvor.

Und trotzdem reichen manchmal eine billige DV-Kamera, ein Gummikopf, ein Rollstuhl, ein verstörter Hund, Aphex Twin und Chris Cunningham.

Der Rest ist Hysterie.


Entdecke mehr von freakmuzik.net

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Entdecke mehr von freakmuzik.net

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen