Zwei weiße humanoide Roboter küssen sich im futuristischen Musikvideo zu Björks All Is Full of Love von Chris Cunningham

Björk, All Is Full of Love. Die Zukunft war schon 1999 da

Es gibt Musikvideos, die altern. Und es gibt Musikvideos, bei denen irgendwann die Realität anfängt, sie einzuholen. Björks „All Is Full of Love“ gehört ziemlich eindeutig zur zweiten Kategorie. Als Chris Cunningham 1999 zwei makellos weiße Maschinenwesen erschaffen ließ, die zusammengesetzt werden, einander ansehen, berühren und schließlich küssen, war künstliche Intelligenz für die meisten Menschen noch Science-Fiction. Das Internet machte Geräusche beim Einwählen, Telefone hatten Tasten und ein intelligenter Assistent war wahrscheinlich derjenige im Freundeskreis, der wusste, wie man den Videorekorder programmiert. Heute reden wir mit Maschinen. Wir lassen sie Texte schreiben, Stimmen imitieren, Musik produzieren, Bilder erschaffen und Persönlichkeiten simulieren. Algorithmen lernen unsere Vorlieben teilweise besser kennen als Menschen, die seit Jahren neben uns sitzen. Und plötzlich sieht dieses Musikvideo aus dem Jahr 1999 nicht mehr aus wie eine Vision einer weit entfernten Zukunft. Es sieht verdammt noch mal aus wie deren Prolog.

„All Is Full of Love“ stammt ursprünglich von Björks 1997 erschienenem Album „Homogenic“. Als eigenständige Single erschien der Song am 7. Juni 1999, nachdem das dazugehörige Musikvideo bereits wenige Wochen zuvor veröffentlicht worden war. Dass zwei Jahre nach Veröffentlichung eines Albums noch einmal eine Single daraus ausgekoppelt wurde, war schon damals ungewöhnlich. Bei Björk ging es allerdings weniger darum, irgendeinen weiteren Track aus einem erfolgreichen Album zu pressen. Das Video sollte vielmehr als eigenständiger Kurzfilm funktionieren. Und dafür bekam sie mit Chris Cunningham genau den richtigen Irren – im positivsten Sinne – hinter die Kamera.

Cunningham hatte sich längst eine eigene visuelle Welt geschaffen. Seine Arbeiten für Aphex Twin, allen voran „Come to Daddy“, hatten gezeigt, dass Musikvideos für ihn keine Werbeclips für Singles waren. Sie waren kleine Filme. Unangenehm, verstörend, manchmal grotesk und technisch ihrer Zeit regelmäßig mehrere Schritte voraus. Auch Björks visuelle Arbeit gehörte ohnehin nie zu jener Kategorie Musikvideo, bei der eine Band irgendwo herumsteht und vier Minuten lang so tut, als würde sie gerade zufällig beim Spielen gefilmt. Beide Seiten passten perfekt zusammen. Bei „All Is Full of Love“ nahm Cunningham seine normalerweise düstere Maschinenästhetik allerdings und drehte sie vollständig um. Kein dreckiger Industriehorror. Keine Dämonen. Keine Fratzen. Stattdessen Weiß. Licht. Präzision. Porzellanartige Oberflächen. Hydraulik. Kabel. Roboterarme. Und eine Atmosphäre, die gleichzeitig wie Operationssaal, Geburtsstation, Fabrik und Himmel wirkt.

Das Video zeigt eine künstliche Björk, die von Maschinen zusammengesetzt wird. Mechanische Arme bewegen sich um ihren Körper, Komponenten werden eingesetzt, Kabel verbunden, Flüssigkeiten fließen durch transparente Leitungen. Trotzdem wirkt diese Figur zu keinem Zeitpunkt kalt. Bereits das ist bemerkenswert. Dann erscheint eine zweite Maschine. Ebenfalls Björk. Die beiden künstlichen Wesen bewegen sich aufeinander zu, berühren sich und küssen sich schließlich. Genau dieser Moment gehört bis heute zu den stärksten Bildern der Musikvideogeschichte. Nicht weil dort zwei Roboter miteinander rummachen. Sondern weil man nach wenigen Sekunden vollkommen vergisst, dass dort überhaupt Roboter stehen.

Wir erkennen Zärtlichkeit. Wir erkennen Begehren. Wir erkennen Vertrauen. Wir erkennen Liebe.

Und vielleicht liegt genau darin der eigentliche Geniestreich von „All Is Full of Love“: Die Maschinen müssen überhaupt nicht menschlich werden. Wir machen sie in unserem Kopf menschlich.

1999 war diese Vorstellung faszinierende Science-Fiction. 25 Jahre später ist sie eine erstaunlich konkrete philosophische Frage geworden. Wir sprechen heute mit künstlicher Intelligenz in natürlicher Sprache. Menschen führen lange Gespräche mit Chatbots, erstellen digitale Avatare, synthetisieren Stimmen verstorbener Künstler, generieren Gesichter von Menschen, die niemals existiert haben, und entwickeln emotionale Bindungen zu virtuellen Charakteren. Maschinen lernen nicht zwangsläufig zu fühlen. Zumindest wissen wir nicht, ob sie das irgendwann können werden. Aber sie lernen immer besser, die Zeichen von Gefühlen zu reproduzieren. Aufmerksamkeit. Sprache. Erinnerung. Zustimmung. Trost. Humor. Nähe.

Vielleicht wird deshalb eine der großen Fragen der kommenden Jahrzehnte gar nicht sein, ob künstliche Intelligenz tatsächlich Gefühle besitzt. Vielleicht reicht es irgendwann vollkommen aus, wenn wir glauben, dass sie welche besitzt.

Und genau an dieser Stelle wird Cunninghams Video plötzlich fast unangenehm modern. Die beiden Maschinen in „All Is Full of Love“ stellen keine Bedrohung dar. Es gibt keinen Terminator, keinen Maschinenaufstand, keinen roten Alarmknopf. Die Technologie ist intim. Schön. Fast erotisch. Das ist wesentlich interessanter als die klassische Erzählung einer KI, die irgendwann beschließt, die Menschheit auszurotten. Denn wenn Technologie wirklich tief in unser Leben eindringt, wird sie wahrscheinlich nicht zuerst als Gegner erscheinen. Sie wird bequem sein. Hilfreich. Attraktiv. Vertraut. Vielleicht sogar liebevoll.

Und genau das sehen wir hier bereits 1999.

Visuell hat dieses Video außerdem etwas geschafft, woran erstaunlich viele spätere Produktionen scheiterten: Es sieht noch immer fantastisch aus. Cunningham und das VFX-Studio Glassworks kombinierten reale Sets, physische Elemente, Björks Gesicht und digitale Effekte zu einer Ästhetik, die bis heute Gewicht besitzt. Der offizielle Glassworks-Upload bezeichnet die Produktion entsprechend als Cunninghams mehrfach ausgezeichnete Arbeit und verweist auf die dort entstandenen digitalen Effekte. Metall sieht nach Metall aus. Licht fällt auf reale Oberflächen. Mechanische Konstruktionen wirken, als könnten sie tatsächlich funktionieren. Nichts schreit nach billigem CGI. Viele spektakuläre Computeranimationen der späten Neunziger sind inzwischen unfreiwillige Retro-Comedy. „All Is Full of Love“ könnte stellenweise gestern produziert worden sein.

Vielleicht sogar morgen.

Auch deshalb wurde das Video völlig zu Recht mit Preisen überhäuft. Es gewann unter anderem bei den MTV Video Music Awards 2000 die Kategorien Breakthrough Video und Best Special Effects, erhielt mehrere D&AD-Auszeichnungen und wurde bei weiteren internationalen Festivals und Award-Shows prämiert. Außerdem wurde es für einen Grammy in der Kategorie Best Short Form Music Video nominiert. Später tauchte es regelmäßig in Bestenlisten der wichtigsten Musikvideos aller Zeiten auf und fand seinen Weg in Ausstellungen und Museumskontexte. Was irgendwann einmal als experimentelles Musikvideo begann, wurde Videokunst.

Aber selbst diese ganzen Preise erklären nicht, warum das Video heute noch so stark funktioniert.

Vielleicht ist es der Titel.

All Is Full of Love. Alles ist voller Liebe.

1999 konnte man diesen Satz einfach als typisch Björk lesen. Ein bisschen kosmisch. Ein bisschen esoterisch. Ein bisschen außerirdisch und gleichzeitig komplett menschlich. Heute bekommt er eine zweite Bedeutung. Wir bewegen uns in eine Welt hinein, in der Technologie immer stärker zwischen Menschen vermittelt. Algorithmen entscheiden, welche Menschen wir sehen. Welche Musik wir hören. Welche Nachrichten uns erreichen. Welche Produkte uns angeboten werden. Welche Bilder unserer Realität überhaupt noch sichtbar werden. Künstliche Systeme werden persönlicher, dialogischer und emotional überzeugender.

Vielleicht besteht unsere größte Aufgabe deshalb irgendwann gar nicht darin, Maschinen menschlicher zu machen.

Vielleicht müssen wir viel stärker darauf achten, selbst menschlich zu bleiben.

Das ist der Punkt, an dem „All Is Full of Love“ nach 25 Jahren endgültig von einem genialen Musikvideo zu etwas Größerem wird. Björk und Cunningham haben nicht ChatGPT vorhergesagt. Sie haben keine konkrete künstliche Intelligenz beschrieben. Sie haben etwas viel Grundsätzlicheres verstanden: Technologie verändert nicht nur unsere Werkzeuge. Irgendwann verändert sie unsere Vorstellung von Körper, Identität, Intimität und Liebe.

1999 sah das nach Science-Fiction aus.

25 Jahre später sieht es erstaunlich nach Gegenwart aus.

Und möglicherweise kommt die interessanteste Erkenntnis erst ganz am Ende. Seit Jahrzehnten diskutieren wir darüber, wann Maschinen endlich menschlich genug sein werden. Björk und Chris Cunningham stellten schon 1999 die wesentlich spannendere Frage:

Sind wir eigentlich menschlich genug für die Maschinen, die wir gerade erschaffen?


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